Mitteldeutscher Zirkelschlag – André Schinkel im Gespräch

André Schinkel, Foto: Nils-Christian Engel

André Schinkel

Ein Interview mit dem Schriftsteller André Schinkel – über das Literaturland Sachsen-Anhalt und seinen Band Löwenpanneau

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André Schinkel, die vergangenen zwei Jahre waren für Dich durchaus erfolgreich – 2006 hast Du den Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis für Lyrik erhalten, 2007 sind zwei Bücher erschienen, zum einen der Lyrikband „Löwenpanneau“, dessen Entstehung auch durch eine Förderung der Kunststiftung Sachsen-Anhalt unterstützt wurde, zum anderen die Sammlung „Unwetterwarnung“, den Ertrag Deines Stadtschreiberstipendiums im thüringischen Ranis. Kann man aus diesen Erfolgen schließen, dass Sachsen-Anhalt gute Bedingungen für Literatur bietet?

Diese Erfolgsgeschichte, wenn man sie so nennen will, hat mich auch erst einmal überrascht. Was ich zum Substrat dieser Arbeit und dieses Erfolgs sagen kann, und was das mit Sachsen-Anhalt zu tun hat, ist, dass ich schon glaube, dass das Land einen sehr guten Boden für Kultur bietet. Das hat sowohl historische wie auch aktuelle Gründe: als Bestandteil von Mitteldeutschland ist es altes Kulturland, und die Kultur guckt hier an jeder Ecke und an jedem Ende heraus. Der aktuelle Grund ist, dass Sachsen-Anhalt ein guter Boden für kulturelle Regungen geblieben ist, auch für neue Literatur. Das hat damit zu tun, dass sich dieses Land in einem Zwiespalt befindet zwischen Versinken und Aufbruch. Dieses Feststecken zwischen den tradierten Dingen, die lange eine geringere Rolle gespielt haben und nun langsam wieder ans Licht kommen, dieses Wegbrechen vieler Dinge und das Sehen neuer Möglichkeiten, die man ja aber erst einmal für dieses Land nutzbar machen muss, ist reizoll. Da ich ein Bewohner dieses Landstrichs bin, denke ich, dass für mich die Bedingungen, in Halle zu schreiben, schon sehr gut sind. Ich komme mit der Ambivalenz, die diese Stadt bietet, gut zurecht. Ich glaube, es gibt nur wenige Orte, an denen ich ähnlich arbeiten könnte. Einer dieser Orte ist Leipzig. Leipzig und Halle sind ja – wenn man das in diesem Journal sagen darf – ungleiche Schwesterstädte. Die Differenz und zugleich, was man an gemeinsamer Geschichte hat, sind ein Anlass für den Austausch zwischen diesen sich immer mal abhanden gekommenen Städten.

Leipzig ist ein Literaturstandort von unzweifelhaft überregionaler Bedeutung, Leipzig assoziiert man mit Literatur – Halle und Sachsen-Anhalt viel weniger. Wie steht es um die überregionale Beachtung, die Literatur aus unserem Land findet?

Ich glaube, dass es vor allem in dem Jahrzehnt nach der Wende schwer war für sachsen-anhaltinische Literatur, ein überregionales Podium zu finden. Aber ich sehe auch, dass sich das in den letzten Jahren verändert hat. Ich bemerke es daran, dass es einen Austausch gibt, der mittlerweile bundesweit stattfindet, vor allen Dingen zwischen jungen Autoren. Das hat damit zu tun, dass sich insbesondere in den großen Städten im Land eine junge Literaturszene etabliert, die sich aus der Ambivalenz dieses Landes nährt, und dass diese Szene nun zunehmend auch überregional zur Kenntnis genommen wird. Es gibt mittlerweile schlagkräftige Beweise dafür, dass es hiesige Autoren weit außerhalb der Region zu Anerkennung bringen können.

Versinken und aufbrechen sind wichtige Motive auch in Deinen Texten, zum Beispiel im Gedicht „An der Saale“ aus dem Band „Löwenpanneau“. Der Text kreist um einen an sich wenig spektakulären Ort, eine Stelle am baumbestandenen, grasbewachsenen Saaleufer. Im Gedicht wird aus ihm ein Ort der Geister, der Ahnen, ja der aufflackernden Urgeschichte. Nun gehören Landschaftsbilder zu den literarischen Topoi mit einer denkbar breiten Tradition, nicht nur in der deutschsprachigen Lyrik, und sie dienen nicht zuletzt dazu, Unterschiedliches in Beziehung zu setzen, oft im Dienst eines größeren philosophischen oder ästhetischen Entwurfs. Dem gegenüber ist der hohe Grad an Innerlichkeit und Selbstreflexivität – im präzisen Wortsinne als Wiederspiegelung –, der dieses Gedicht ausmacht, erstaunlich. Oder liegt gerade darin die poetische Magie eines Landstrichs, in dem man – wie Du an anderer Stelle gesagt hast – „für seinen Wohlstand an Geschichte und Kultur nicht immer Zeit“ hat?

Diese Beziehung zur Saale ist eine innige, das hat damit zu tun, dass der Fluss eine magische Ausstrahlung für mich hat. Ich habe die Saale sowohl hier als auch im thüringischen Raum recht intensiv kennengelernt und studiert. Die Saale ist der Ersatz für den Fluss meiner Kindheit, die Mulde, die einen etwas anderen Charakter hat. Ich glaube, dass die Saale als Symbol sehr gut für diesen mitteldeutschen Landstrich stehen kann; und für mich schießt am Saaleufer der Komplex aus Geschichte und Gegenwart, der Anwesenheit der Geister und der eigenen Befindlichkeit zusammen. Es gibt traumhafte Gegenden und zugleich apokalyptische, verlassene Landschaften, durch die sich die Saale in einer schnellen Folge bewegt. Das macht diesen Grundreiz aus. Damit ist man ja wieder bei dieser Spaltung – das Ewige, das durchhält, und das Kurzlebige, das eben dann auch zusammengebrochen am Flussrand steht. Wasser übt, durch seine Bewegung und den Ursprungsgedanken, der in ihm steckt, schon immer eine große Faszination auf mich aus, sowohl in Form des Flusses als auch in seiner ins Zeitlose gesteigerten Form als Meer. Flüsse und Meere spielen in meinen Texten oft eine wichtige Rolle, nicht selten in Verbindung mit Mythos und Magie.

Dieses Magische findest Du in einer Landschaft, die von historischen Wechseln geprägt ist. In seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreises für Lyrik hat Wolf Biermann Dich als „ein echtes DDR-Produkt“ bezeichnet, für das er angesichts einer gemeinsamen Tradition „die richtigen Ohren“ habe. Tatsächlich gehörst Du zu der Generation, für die der Schritt ins Erwachsenenleben in einen neuen Staat, in ein radikal verändertes Gesellschaftssystem führte. Was sind die schriftstellerischen Konsequenzen dieser biographischen Situation? Stellen die DDR und „ihre“ Literatur bzw. der „verwestlichte Osten“ (Biermann) Bezugspunkte für Dein Schreiben dar?

Als Bezugspunkt, als Ort für mein Schreiben, steht, wenn ich mich regional einordnen müsste, Mitteldeutschland, als historische Landschaft. Da ich gebürtiger Sachse bin und in Sachsen-Anhalt als zugezogenes Landeskind gelte, auch das Raniser Jahr sehr wichtig war und ich so eine Art Thüringer auf Probe bin, habe ich für mich so etwas wie den mitteldeutschen Zirkelschlag gezogen. Zur DDR: ich kann natürlich die Herkunft aus diesem Land nicht verleugnen und würde das auch nie tun. Ich sehe heute keine getrennten Literaturen in dem Sinne, dass man sie gegeneinander ausspielen müsste. Wenn mir nach Strittmatter ist, dann lese ich Strittmatter, und wenn mir nach Thomas Kling ist, dann lese ich Kling. Allerdings ist mir höchst selten nach letzterem – das hat jedoch nichts damit zu tun, dass er ein Westdeutscher war. Es gibt Dichter, die Autoren beider Deutschländer waren, Wolfgang Hilbig zum Beispiel oder Bernd-Dieter Hüge, die überdies mitteldeutsch geprägt waren. Ich weiß, dass diese sächsische Herkunft für mein Schreiben sehr wichtig ist, aber sie soll nicht als Lokalpatriotismus herhalten. Ich bin kein Lokalpatriot, ich bin – das gebe ich zu – bekennender Sachse und auch ambivalent bekennender Hallenser. Aber das ist nicht der Aufhänger für die mentale Wichtung meiner Texte: die ist schon ins Größere angelegt.

Wie würdest Du als Redakteur der Literaturzeitschrift „Ort der Augen“ die gegenwärtige Literaturszene in Sachsen-Anhalt beschreiben? Siehst Du neue Tendenzen, kristallisieren sich bestimmte Themen heraus?

Die Szene ist sehr reichhaltig, es gibt in Sachsen-Anhalt etwa 150 praktizierende Schriftsteller, in allen Gattungen und Facetten, die man sich vorstellen kann, vom Unbedarften bis zum großen Dichter ist alles dabei, so dass es schwierig ist, zu sagen, ob es eine einheitliche Tendenz gibt. Vor allem in der Lyrik sind im Grunde die gleichen Tendenzen zu beobachten wie in Deutschland insgesamt. Da gibt es junge, selbstbewusste Schreiber, die die Formen wiederentdecken und diese auch herstellen können, wie andere Brot essen, was ich durchaus als neu und bereichernd ansehe. Es gibt eine kleine klassizistische Schule und mit Schriftstellern wie Wilhelm Bartsch Autoren, die den Anschluss an die bundesweite Szene halten. Dieter Mucke würde ich auch dazu zählen, der wie Bartsch im gesamten deutschsprachigen Raum ein Begriff ist. Es gibt zudem eine Tendenz zu Kinder- und Jugendliteratur, die wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Über „Ort der Augen“ besteht die Möglichkeit, die Strömungen zusammenzuführen und darüber hinaus zu arbeiten. Die Zeitschrift ist nicht auf Sachsen-Anhalt allein ausgelegt, sondern schon international, wir haben Autoren aus zwanzig Ländern zu Gast gehabt, und wenn es einen regionalen Fokus geben muss, dann ist „Ort der Augen“ im Kleinen auf Mitteldeutschland ausgerichtet und im Großen für alles offen, was passt. Und gleichzeitig eine Zeitschrift, in der große Namen neben Debütanten stehen sollen, wofür in Sachsen-Anhalt gute Chancen bestehen, da es hier auch sehr viele junge Leute gibt, mit der Entfaltung ihres Talents beschäftigt sind.

Welche Rolle spielt unsere Region in den Texten von „Nachwuchsautoren“?

Bei den Autoren, die in Sachsen-Anhalt leben, und aus deren Lebenssituation etwas in die Texte einfließt, gibt es natürlich auch den direkten Bezug auf konkrete Orte im Land. Halle etwa spielt zunehmend eine Rolle direkt in den Texten der Autoren; das hat damit zu tun, dass man sehr wohl erkennt, dass diese Stadt ein Literaturort ist, sowohl in der Geschichte wie auch in der Gegenwart. Diese Texte nehmen sehr stark auf die Stimmung, die in der Stadt herrscht, Bezug, diesem Bruch zwischen mentalem Wegsinken, Wegrutschen der Stadt und der Neu-Besinnung auf Kultur, Bildung; Hoffnung auf wirtschaftliche Wieder-Belebung. Da dies noch nicht abzusehen ist, ist es eine kreative Schwebe, in der sich Halle hält. Oft ist es auch so, dass die Schönheit, die die Stadt unzweifelhaft besitzt, eher von den Zugewanderten benannt, beschrieben wird, da es ihnen vielleicht nicht als selbstverständlich erscheint, ein Gebilde wie Halle, das man sich als Zugereister erkämpfen muss, irgendwann als schön und unabdingbar zu empfinden. Ich weiß von vielen, gerade Künstlern und Intellektuellen, die die Stadt verlassen wollten, dass sie irgendwann wieder da waren, merkwürdige Dinge über ihr Heimweh erzählten und zugeben mussten, dem Flair Halles erlegen zu sein. Naja, so lange ein paar wieder kommen, besteht Hoffnung.

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