Der verborgene Ochsenweg

Traurig aber wahr! 20 Jahre und ein Besuch aus England waren nötig, um meine Aufmerksamkeit auf den historischen Ochsenweg zu lenken, obwohl ich tagtäglich eine seiner vielseitigsten Teilstrecken befahre. Immerhin versteckt sich auf den doch eher öde erscheinenden 40 Kilometern zwischen Flensburg und Schleswig so mancher spannende Zeitzeuge der nunmehr 4000 jährigen Geschichte des Ochsenweges, an dem sich ein Zwischenhalt mehr als lohnt. Und ich gebe es gerne zu – ohne den weisen Rat der Bibliothekarin, einmal einen Blick in das Buch »Von Wegen – Das Buch zum Ochsenweg« zu werfen, wären meine Freundin und ich getrost an einem Großteil der Sehenswürdigkeiten vorbeigerauscht. Aber jetzt konnte uns ja nichts mehr passieren; und so zogen wir los – die ahnungslose Eingeborene, die neugierige Touristin und das schlaue Buch.

Auf dem Ochsenweg südwestlich von Flensburg nahmen wir die Fährte der historischen Route auf und es dauerte nicht lange, bis wir das erste Paar gekreuzter Ochsenhörner in der Ferne erspähten. Wie an so vielen anderen Kreisverkehren der Region ragte die Skulptur hoch empor, und die Erleichterung war meiner Freundin ins Gesicht geschrieben, als ich erzählte, dass diese Hörner den Verlauf des historischen Ochsenweges markierten und nicht etwa eine einfallslose Art der Dekoration norddeutscher Verkehrsinseln waren – diese Information gelang mir sogar ganz ohne Buch!

Danach wurde es allerdings schwammig. Also zogen wir das Buch zurate und ich staunte nicht schlecht, als es uns ins wenige Kilometer entfernte Munkwolstrup führte. Bis dato hatte ich immer gedacht, dass sich in diesem winzigen Dorf eigentlich nur Fuchs und Hase „gute Nacht“ sagten. Doch dann standen wir da, mitten auf einem Acker unweit der B 76, vor dem größten rekonstruierten Großsteingrab Nordeuropas, und ich fragte mich, wieso mir dieser Koloss bisher nie aufgefallen war. Beeindruckt von der Tatsache, in der weit und breit flachen Landschaft vor einem solch imposanten Bauwerk aus tonnenschweren Steinen zu stehen, fragten wir uns in diesem Moment schon, wie es die Steinzeitler vollbracht hatten, diese Riesen zu transportieren und aufzurichten. Gleichzeitig wurde unser beider Archäologenherz unendlich dankbar darüber, dass der Eigentümer dieses Ackers sich damals nicht – wie die Mehrheit der Bauern der Region – dazu entschieden hatte, die Steine zu entfernen, um besser wirtschaften zu können, sondern stattdessen den kleinen Arnkiel-Park ins Leben gerufen hatte. Zu schade, dass diesen Ort kaum jemand kennt!

Voller Vorfreude auf das, was uns noch erwarten sollte, fuhren wir nur einen knappen Kilometer weiter, bevor wir abermals zum Stehen kamen. Den Sankelmarker See hatte ich schon viele Male besucht; wie viel Geschichte sich allerdings um ihn rankt, wurde mir erst bei diesem Besuch klar. Während meine Freundin ihren Blick auf den gegenüberliegenden Hügel richtete und sich fragte, wie schön erst der Ausblick von dort oben sein musste, stellte ich bedrückt fest, dass dort vor wenigen Jahrhunderten noch leblose Körper am Galgen baumelten. Wie sehr diese Herrschaften also die Aussicht genossen, bleibt irgendwie fraglich. Und auch der restliche Teil des Kapitels passte so gar nicht zu dem so friedlich anmutenden Ort, an dem sich einst erbitterte Kämpfe zwischen Dänen, Preußen und Österreichern ereignet hatten. Bei unserem kleinen Spaziergang um den See kamen wir also nicht darum herum, an die armen dänischen Soldaten zu denken, die sich hier im tiefsten Winter vergeblich inmitten des zugefrorenen Sees vor ihren Verfolgern versteckt gehalten hatten, bevor sie starben. Obwohl diese Ereignisse weit zurücklagen, machte sich dennoch ein beklemmendes Gefühl in uns breit, und wir begannen zu ahnen, dass dies nicht der einzige Ort entlang des Ochsenweges mit einer traurigen Geschichte sein würde.

Zurück im Auto folgten wir eine Weile der B 76 Richtung Schleswig. Unterwegs passierten wir einen der alten Krüge, die sich seit Jahrhunderten entlang des gesamten Ochsenweges wiederfinden und bis heute den Reisenden auf ihrem Weg Kost und Logis bieten. Da sie für mich das Flair der Strecke ausmachen, machte ich meine Freundin natürlich darauf aufmerksam – stolz darüber, einmal etwas zu wissen, ohne ins Buch schauen zu müssen.

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Am nächsten Kreisverkehr standen wir dann vor der Wahl, welcher Route wir folgen wollten: Der Hauptstraße oder der Nebenstrecke, die durch die kleinen Dörfer der Gegend führt. Laut unserem Buch zählen beide Wege als Teilstrecken zum historischen Ochsenweg. Mit Süderschmedeby als erstem Ort der Teilstrecke entschieden wir uns spontan für die zweite Variante. Von ihr versprachen wir uns mehr historische Spuren – auf die wir auch bald in Form einer alten, verbeulten Pflasterstraße stießen, deren Schlaglöcher es in sich hatten. Trotzdem bereuten wir es nicht. Unterwegs hielten wir ein paar Mal an; besichtigen ein verborgenes Hügelgrab am Wegesrand und die Idstedt-Gedächtnishalle, in der wir auf eine kleine Ausstellung stießen, die mit viel Liebe zum Detail einen Einblick in den Österreichisch-Dänischen Krieg gab, dessen Spuren wir ja schon am Sankelmarker See begegnet waren. Ohne das Buch – der Bibliothekarin sei Dank – hätten wir diese kleinen Orte niemals wahrgenommen. Und auch durch Lürschau wären wir achtlos hindurch gerauscht und hätten den wunderschönen Spaziergang auf den Resten des ursprünglichen und unbefestigten Ochsenweges verpasst, der uns gedanklich in die Zeit der Händler, Pilger, Soldaten und Reisenden zurückversetzte, die über die Jahrtausende durch dieses bewaldete Terrain gezogen waren. Inmitten der Einsamkeit waren wir dann doch ganz froh, dass heute keine Wegelagerer mehr im Dickicht auf uns lauerten.
Bevor wir dann gänzlich in Schleswig einzogen, machten wir noch einen Abstecher ins kleine Dannewerk, wo ich meiner Freundin das Danewerk-Museum zeigte, in dem es nicht nur das
größte archäologische Denkmal Nordeuropas – eben das Danewerk, die südliche Grenze des alten dänischen Reiches – zu sehen gibt, sondern auch eine kleine Ausstellung zur deutsch-dänischen Geschichte, die mir als Mitglied der Dänischen Minderheit in Südschleswig natürlich sehr am Herzen liegt.

Und da es von den Dänen zu den Wikingern bekanntermaßen nicht weit ist, besuchten wir natürlich auch gleich das nahegelegene Haithabu Museum, in dem ich meiner Freundin alles über die bedeutendste dänische Wikingersiedlung erzählen konnte, die einst an dieser Stelle lag. Damals gab es dort noch keine englische Beschreibung der Exponate, weshalb ich ihr alles übersetzte, was ewig dauerte, aber sehr viel Spaß machte und irgendwie auch ziemlich lehrreich für uns beide war. Im Anschluss schlenderten wir noch über das Außenareal, gingen durch die rekonstruierten Wikingerhäuser und stießen sogar auf ein paar moderne Wikinger, die die Kunst traditioneller Handwerke vorführten. Von hier aus ergab sich uns ein traumhafter Blick auf die Schlei, der uns innehalten ließ, und wir dachten, dass es sich hier bestimmt gut gelebt haben musste.

Auf dem weiteren Weg nach Schleswig begleitete uns dieser Blick auf die Schlei und die idyllische Kleinstadt. Bereits von der Bundesstraße aus konnten wir das weiße Schloss Gottorf sehen, das wie ein Märchenschloss am Rande des Wassers liegt und uns in Schleswig willkommen hieß. Dort warteten bereits die Moorleichen, der begehbare Riesenglobus und einer der frühesten Terrassengärten Nordeuropas auf uns, die zum hier ansässigen archäologischen Landesmuseum und dem Landesmuseum für Kunst gehörten.

Am Ende des Tages hatten wir zwar ziemlich dicke Füße, aber wir waren unglaublich glücklich darüber, diese beeindruckende Tour durch die Geschichte mit dem schlauen Buch gemacht zu haben.

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