God bless the Apricot? Eindrücke vom größten Filmfestival in Armenien

Segnung der Aprikosen beim Golden Apricot Filmfestival 2006Sonntagmorgen, halb elf. In einer halben Stunde beginnt die Pressekonferenz zum Eröffnungsfilm. Das Internationale Filmfestival „Golden Apricot“ in der armenischen Hauptstadt Jerewan ist mein erstes Filmfestival überhaupt. Und weil ich aus Deutschland hier bin, steht auf meinem Umhängeschild „International Press“. Damit kann ich alle Filme ansehen, fast jede Veranstaltung besuchen.

Der erste Mann, dem ich begegne, ist ein entspannter Armenier. Kinnlanges Haar, freundliches Gesicht. „Hello, I am Harutyun Khachatryan, the festival director“, „Nice to meet you!“

Ein Gebäude weiter ist das Infozentrum, reges Treiben, Journalisten, die ihr Infomaterial bekommen, die Festivalzeitung, die unter die Leute gebracht werden muss. Hier ist der Anlaufpunkt für jede Frage. Oder auf der Rückseite meines Festivalbandes, da sind die Pressekontakte. Für ein Interview möge man sich anmelden – oder kommt mit den zahlreichen Gästen und Teilnehmern während einer der Veranstaltungen in Kontakt. Was aufgrund der familiären Atmosphäre äußerst schnell geschieht.

Fünf nach elf, die Pressekonferenz beginnt für armenische Verhältnisse erstaunlich pünktlich, der Direktor ist da. Kurz darauf kommen Produzent und Regisseur des Eröffnungsfilmes „Inside Ring“. Eine Geschichte um einen armenischen Mafiaklan in Frankreich. Ein junger Mann, der für seine Liebe daraus ausbrechen will. „Italienische Gangster sind bekannt. Viele armenische Menschen hätten sich in Frankreich wunderbar integriert. Manche nicht.“ Dies wolle der Regisseur Laurent Tuel zeigen. Er spricht über seinen Film, über seine Beziehung zu Armenien. Die Journalisten wollen wissen, was er an den Armeniern schätze. „Die Gemeinschaft.“ Als Fragen zur Politik kommen, entgegnen die Filmemacher bestimmt, sie seinen Künstler – und hier, um über Kunst zu reden. „In unserem Bereich kann man mit jedem zusammenarbeiten, es gibt keine Grenzen.“ Da flattert der Gedanke der Aktion „Directors Across Borders“ durch die Konferenz. Ich beschließe, den Schwerpunkt meiner Arbeit hier auf die Fotografie zu legen. Armenisch und Französisch als Konferenzsprachen stellen meine Schulkenntnisse auf eine harte Probe.

Viertel vor eins, meine ersten Filmvorführungen des Festivals: „Teheran in Photographs“ von R. Safarian, Iran. 54 Minuten über die Fotografie in der iranischen Hauptstadt – und die Stadt in der Fotografie. „Wer ist diese Frau auf dem Bild. Was ist aus ihr geworden? Eine sechzigjährige Dame? Lebt sie noch?“ Bilder entschleunigen den Moment. Zwei Menschen in einem U-Bahn-Gang. Im Schritt gefangen. Woher kommen sie? Gestresst, eilig? Entspannt? Eine Filmsequenz zeigt sie beim Aussteigen, zeigt die Menschenmassen vor ihnen. Der Film antwortet. Zeigt, wie ein Fotograf mit seinem Job das Wissen über die Revolution prägte. Wie sich Fotografie und Stadt entwickelt haben. Der Fortgang bleibt offen. Millionen Fotos entstehen täglich, die meisten nicht einmal gedruckt. Bewegungslos und „Happyness in the frame“, so endet der Film. Teheran und die Fotografie wandeln sich weiter. Im Film wirkt die Stadt austauschbar. Die Frage am Beispiel beantwortet – die Möglichkeiten der Fotografie.

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Kurz darauf im selben Kinosaal „With love and gratitude“, ein zweiter Bewerber für den Filmwettbewerb „Armenisches Panorama“. Wir sehen den Jerewaner Kunstmarkt mit gezeichneten Porträts. Keine Erläuterungen, keine Kommentare. Drei der abgebildeten Menschen wird man wiedersehen. Es wird die Geschichte von Weinfassbauern. „With love and gratitude“, mit Liebe und Dankbarkeit gestaltet. Ein feines Porträt in 29 Minuten. Mitten in die vertraute, traditionell gebliebene Atmosphäre platzt ein Tourist. Ein Deutscher. „Was macht ihr denn? Wie lange dauert sowas? Wieviel passt da rein? Das ist ja viel. Darf ich ein Foto machen?“ Die Arbeiter reihen sich auf. „Und noch eins. Und noch eins. Da freut sich die Heimat. Ja, noch eins, die Heimat freut sich da.“ Ich fühle mich ertappt. Da sind wir Massentouristen. Kurz in ein Dorf geschleift, „guckt mal, hier leben die Menschen noch …“, das sagt niemand. Die Kritik ist genial. Ein Schlag, dann geht der Deutsche mit seiner Kamera wieder. Generation digitale Spiegelreflexkamera. Das Fass wird fertig. Gestopft. Material geholt, schließlich macht man Mittagspause. „Hats utel“, sagt man in Armenien, Brot essen. Sie trinken aus einer Schale auf die Natur. Ein poetischer Film, er wird später den Wettbewerb gewinnen.

Szenenwechsel. Aus dem Kino Moskau, einem der Hauptveranstaltungsorte, geht mein Weg in die Kirche St. Zoravar. Es ist sechzehn Uhr, Zeit für „Blessing of the Apricots“. Ich denke an God bless America – aber Aprikosen? Es wird warm in der kleinen Kirche. Im Vorraum sind Kerzen aufgebaut, dort trauern Menschen. Wir, die Teilnehmer, Gäste und Journalisten des Festivals, kommen und lassen Aprikosen segnen, ich kämpfe mich in die erste Reihe. „Hier sind so viele Fotografen – wofür?“, fragt ein Kollege. Derweil halten drei armenische Priester eine Zeremonie ab, der Weihrauch benebelt den Raum. Vier Körbe Aprikosen stehen zu ihren Füßen. Sie werden gesegnet, verteilt. Glückliche Menschen. Segen, Aprikosen. So einfach.

Zurück zur Ausgangsposition. Neunzehn Uhr, Festliche Eröffnung mit „Inside Ring“, ein roter Teppich liegt vor dem Kino Moskau. Einlass nur mit Einladung. Die Privilegierten gehen über den Teppich, daneben Fotografen, Kameraleute. Auf der anderen Seite spielt das örtliche Polizeiorchester. Als der Einmarschteil endet, kommt zwei Orchestermitglieder zu mir. Spielen für mich, ich möge ein Foto von ihnen machen. Sie lächeln, ich recke die Daumen. Ihren rauchenden Kollegen erkennt man nicht. Für mich ist der erste Tag Golden Apricot beendet. Die Aprikosen waren köstlich. Ab nun gibt es Film satt.

Bildnachweis: nce

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