gustaf nagel

Tempelwächter, Ur-Hippie und Touristiker im Einklang mit der Natur

Er war „tempelwächter, wanderprediger und friedensapostel, fon gottes gnaden“ und erfand Anfang des 20. Jahrhunderts seine eigene Rechtschreibung. „ich schreibe de n anfang und alle buchstaben klein und gleichmä ßig, weil in der ganzen schöpfung alles klein anfängt und wi r auch alles gleichmä ßig aussprechen“, erklärte „gustaf nagel“.

Heute erinnert an ihn in Arendsee, einem in der nördlichen Altmark gelegenen Luftkurort, nur noch wenig: 1999 wurde anlässlich seines 125. Geburtstages eine Gedenktafel angebracht. Im Heimatmuseum befinden sich ein Schaukasten und eine Schautafel. Am Ufer des Arendsees liegt ein Grundstück mit vier Schautafeln, davon sind nur zwei mit Inhalten versehen, daneben stehen ein paar junge und ältere Bäume. Hier war einst Nagels „Garten Eden“. Ruinen einzelner Bauten sind erhalten, einige der phallusförmigen Säulen, die er als Zeichen der Fruchtbarkeit auf seiner Anlage verteilt hatte. Unfertige Anlagen warten auf Vollendung. „Hier gestaltet der gustaf nagel – förderverein arendsee/ altm. e. V.“ Einer Bank fehlen die Sitzbretter. Das Lagerhäuschen ist mit Graffiti besprüht, Bruchstücke einer Erinnerungstafel liegen daneben. Einige hundert Meter weiter gibt es das Haus des Gastes, dort hängen weitere Schautafeln – es ist allerdings im Gegensatz zum Heimatmuseum außerhalb der Hochsaison nur in der Woche geöffnet, das Museum nur am Wochenende.

Schon zu Lebzeiten war die Beziehung der Stadt Arendsee zum 1874 geborenen Gustav Nagel ambivalent. Der langhaarige Mann, der ganzjährig barfuß lief, im See badete und in weite Gewändern gekleidet die Liebe zur Natur predigte, eckte mit seiner Lebensweise und seinen Ansichten bei den Bewohnern Arendsees an. Er wurde für geistesgestört erklärt und war doch zeitweilig der bedeutendste Steuerzahler der Stadt.

Nagels erster Kontakt mit Naturheilkunde entstand durch Sebastian Kneipp, den Begründer der Hydrotherapie. Er empfahl dem jungen Nagel Kaltwasserkuren um die Krankheiten zu kurieren, die ihn zum Abbruch seiner Kaufmannslehre gezwungen hatten.

Während er die Kuren gewissenhaft durchführte, heilten sein chronisches Nasen- und Rachenkatarrh, seine Hautausschläge und das ständige Stechen in seiner Brust. Diese Wirkung bewegte Gustav Nagel, sich mit der Naturheilkunde intensiv auseinander zu setzen und sich mehr der Natur als den Zwängen der Stadt hinzugeben. Er erbaute Erdhöhlen um darin zu hausen, doch die Bewohner der umliegenden Städte zerstörten sie, und 1900 beschloss das Amtsgericht Arendsee Nagels Entmündigung. Seine Versuche, sich zu wehren, blieben vorerst erfolglos und so begab sich Nagel auf mehrere Reisen, wovon ihn die längste 1902 bis nach Jerusalem führte. Er behauptete später, auf dieser Reise Gott begegnet zu sein.

Wo immer er konnte, predigte Nagel die Lehren Kneipps, seine Einstellung zum Leben, zur Natur und zur Religion. Letztere sei, so der Wanderprediger, ein Ergebnis von Selbsterfahrung, die jeder Mensch selbst durchleben müsse. 1903 wurde die Entmündigung aufgehoben, Nagel lebte zunächst in Arendsee, dann am Steinhuder Meer und kehrte schließlich nach Arendsee zurück, wo er 1910 ein Grundstück erwarb. Er gestaltete seinen „Garten Eden“ und baute sechzehn Jahre lang aus den Naturmaterialien, die ihm zur Verfügung standen – Muschelkalk, Felsbrocken und Schlacke – einen Tempelkomplex, ein Sonnen- und Brausebad, sowie ein Schwanen- und Harmoniumhaus.

In Gustav Nagels Refugium am Ufer des Arendsees entwickelte sich ein Vorläufer des Gesundheitstourismus: In dem 1920er Jahren kamen jährlich über 10.000 Menschen, um Nagels Vorträge zu hören, seine Ratschläge zu erfahren und seinen Gegenentwurf zum gewöhnlichen Leben zu besichtigen. Die Eintrittsgebühren und der Verkauf von Fruchtsäften aus seinem Garten bescherten dem selbst ernannten Tempelwächter ein reiches Einkommen und der Stadt Arendsee außerordentlich hohe Steuereinnahmen. Trotzdem blieb der Mann, den Ulrich Holbein in seinem „Narratorium“ als „Ur-Hippie“ bezeichnet, abgesehen von seinen Anhängern, in der Stadt eher ein unliebsames Kind.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wandte sich Nagel gegen die Judenverfolgung, predigte Liebe und Verständigung und appellierte an die Machthaber. Der Gestapo lagen schließlich mehrere Briefe an Hitler und andere Vertreter des NS-Regimes vor. Nagel wurde 1943 festgenommen und in das KZ Dachau gebracht, nachdem er an Goebbels geschrieben hatte: „Sehr geehrter Herr Doktor, das Recht zu leben und zu denken hat in meinen Augen jedes menschliche Wesen, ob es nun der jüdischen oder der deutschen Rasse angehört. Was für eine Bereicherung würde das Leben erfahren, und wäre es noch so gering.“

Ein Jahr später wurde er in die Nervenheilanstalt Uchtspringe bei Stendal überführt, kam 1945 frei und machte sich an den Wiederaufbau seiner von der Hitlerjugend zerstörten Anlagen. Zunächst als Antifaschist gefeiert, lebte Nagel bis 1950 auf seinem Grundstück in Arendsee, dann wurde er erneut als geistesgestört in Uchtspringe eingewiesen. Alle Entlassungsgesuche waren erfolglos und so starb er, einer der bedeutendsten Vertreter der Wanderpredigerbewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 1952 in Uchtspringe.

Für Arendsee ist die heilsame Wirkung der Natur erneut zum Wirtschaftsfaktor geworden: Seit 1950 darf sich die Stadt als Luftkurort bezeichnen. Der Arendsee, der seit 1969 nicht mehr von Motorbooten befahren werden darf, zählt heute zu den saubersten Seen Norddeutschlands. 1996 wurde eine Mutter-Kind-Kurklinik in Betrieb genommen. Vielleicht liegt darin das immaterielle Erbe Gustav Nagels. An ihn selbst erinnern der Altmärkische Heimatbund e. V. und der „gustaf nagel“ Förderverein Arendsee Altmark e. V. – und wahrscheinlich am meisten ein lächelndes Holzgesicht, das versteckt in einem Garten nahe dem Heimatmuseum ruht: Im Einklang mit der Natur.

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