Im Schatten des Parinacota

Auf der Spur des großen Pumas im Norden Chiles

Von Norbert Suchanek

Ganz langsam wurde die goldene Morgensonne zwischen zwei hohen, weiß vergletscherten Vulkanbergen sichtbar. Eine Herde sanfter, langwolliger Alpakas zog über karge, sandige Hügel. Im Gegenlicht der aufgehenden Sonne leuchtete ihr flauschiges Haarkleid wie ein Heiligenschein. Ein Mann vom Volk der Aymara, die hier schon seit Jahrtausenden die Kamele der Anden hüten, folgte der Herde. Er trug einen alten, staubigen Poncho mit längst verblassten Farben. Die Haare des Hirten aber waren glänzend schwarz und fielen ihm in ein braunes Gesicht, in das die Sonne der Anden und die Jahre tiefe Furchen hineingebrannt hatten.

Mit schlürfenden Schritten brachte der alte Indio aus einer winzigen, dunklen Küche Tee und Spiegeleier. Ich saß an einem alten Holztisch an der grob verputzten Lehmwand. Ein kleines, verschmutztes Fenster über dem Tisch war die einzige Lichtquelle in dem rechtwinkligen Lehmhaus, in dessen Ecken noch die Kälte und Feuchte der vergangenen Nacht hingen. Nur mühsam drang die Morgensonne hinein, und es war zu düster, die Falten in dem Gesicht des alten Indios zu zählen. Vielleicht war ich auch zu müde, zu erschlagen. „Wahrscheinlich wird es hier nie warm und trocken werden“, dachte ich. Dann aß ich schweigend die dampfenden Spiegeleier.

Auch die beiden mir gegenüber und rechts von mir sitzenden Bolivianos aßen und schwiegen. Ihr Alter war schwer zu schätzen, doch sie sahen sich ähnlich. Vielleicht waren sie etwa 30 Jahre, vielleicht über 40 Jahre alt. Müdigkeit lag in ihren Gesichtern, und die schwarzen Ecken des Raumes streckten ihre kalten Schattenhände nach ihnen aus. Mein Blick kümmerte sich aber nicht weiter um das Dunkel, sondern suchte das Licht und folgte ihm durch das Fenster hinaus auf einen staubigen Platz und auf eine noch staubigere Piste dahinter. Ich sah Lastwagen vorbei kriechen. Sie wirkten alt, gebrechlich. Dennoch schleppten sie auf ihren teilweise hölzernen Ladeflächen fabrikneue, japanische Autos die Berge hinauf. Die Lastwagen kamen von Arica, der nördlichsten Hafenstadt Chiles an der Grenze zu Peru, und sie waren auf dem Weg nach Bolivien. Das namenlose Gasthaus, an dem sie alle vorbeifuhren, war das letzte vor der bolivianischen Grenze, und es war das höchstgelegene Gasthaus, in dem ich jemals Spiegeleier gegessen hatte. Es lag auf einer Höhe von rund 4300 Metern über dem Meeresspiegel.

Nachdem die beiden Bolivianos Tassen und Teller geleert hatten, standen sie auf und legten schweigend ein paar Geldscheine auf den Tisch. Ich sah den beiden fragend in ihre bräunlichen, indianischen Gesichter. „Quante“, fragte ich. „Doscientos Pesos“, sagte einer der beiden. Während ich zwei Geldscheine aus meiner Hosentasche kramte, verließen die Bolivianos das Gasthaus. Dann legte ich die zweihundert Pesos zu den anderen Geldscheinen auf den Tisch und folgte den beiden Männern nach draußen.

Am Rande des staubigen Platzes wartete ein Reisebus, der in anderen Ländern wahrscheinlich längst in einem Verkehrsmuseum gelandet wäre. Einer hinter dem anderen schlenderten wir durch den Staub auf ihn zu. Als der erste Boliviano die Fahrertür erreichte und einstieg, drehte sich der andere nach mir um. Sein Spanisch war ohne Klang. Ob ich noch weiter mit ihnen kommen wolle, weiter nach La Paz, fragte er.

„No, gracias“, antwortete ich in meinem gebrochenen Spanisch. Ich wollte hier bleiben. Der Boliviano sagte nichts darauf. Ich ging an ihm vorbei zur Bustür, wo mir der andere meinen Rucksack herausreichte. Ich setzte den Rucksack in den Staub neben meinen Füßen und bedankte mich fürs Mitnehmen. Der Boliviano im Bus nickte mir. Dann stieg auch der andere ein. Auf dem Trittbrett stehend sagte er einfach „Adios“. Der Motor sprang knatternd an, die Tür ging klappernd zu, und der Bus fuhr gemächlich über den Platz in Richtung Bolivien davon. Trotz seiner geringen Geschwindigkeit wirbelte der Bus hinter sich den feinen Staub so stark auf, dass ich meine Augen zu Schlitzen verengen und schließlich abwenden musste.

Der Staub war noch über dem Platz, als der Bus und die beiden Männer aus La Paz schon wieder Erinnerung waren. Aus einer Seitentasche meines Rucksacks holte ich eine schlampig mit der Hand gezeichnete Karte hervor. Ein Dorf war darin markiert. Es trug den Namen „Chucullo“. Ein paar Zentimeter davon entfernt befand sich auf der Karte ein lang gezogenes Oval und das Wort „Chungara“ mit der Höhenangabe 4.500 Meter. Ich prägte mir die Karte ein, steckte sie weg, schulterte den Rucksack und marschierte los.

Der goldene Sonnenball stand noch tief zwischen den Bergen. Der Himmel war klar und blau und trug seinen Teil dazu bei, die Landschaft mit Grenzenlosigkeit zu segnen. Ich ging quer über weglose, sandige Hügel auf denen trockene, silbergraue Grasbüschel wuchsen. Dazwischen ragten stachelige Kakteen-Haufen wie einzeln stehende keltische Menhire auf. Dutzende von feuerroten Blüten leuchteten zwischen den langen Stacheln. Ich ließ die Karte wo sie war. Ich brauchte sie nicht. Ich vertraute meinem Orientierungssinn. Außerdem schenkte mir diese ruhige, sanftmütige und gleichzeitig einzigartige Landschaft, obwohl sie mir vollkommen fremd war, ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, so als wäre ich schon immer hier zuhause, als wäre ich hier mitten in der Natur geboren – oder als würde jemand über mich wachen.

Ich kam in ein weites, grünes Tal. Es war mit kleinen, gurgelnden Bächen durchzogen. Ich dachte an die Lebenslinien einer Hand. Eine Herde langhaariger Alpakas kaute gelangweilt das frische, grüne Gras des feuchten Talgrunds. Auf einem der umgebenden Hügel sah ich in der Ferne eine Gestalt. Sie saß einfach nur da, schien in meine Richtung zu blicken. Die Alpakas, dachte ich, gehörten zu ihm.

Am Anfang des Tals löschte ich meinen Durst, indem ich meinen Rucksack absetzte, mich hinkniete und einfach das Gesicht in einen der Bäche tauchte. Das Wasser war klar, kalt und frisch. Ich saugte es gierig in mich hinein. Als mein Durst gestillt war, sah ich auf und sah über mich, über dem Tal, über den Hügeln, über der ganzen weiten, reinen Landschaft zwei mächtige Vulkankegel thronen. Sie hatten einen gemeinsamen, fast schwarzen Sockel, und von dem Punkt an, wo sie sich trennten und eigene Wege zum Himmel suchten, waren sie mit Eis und Schnee überzogen. Siernsahen wie riesige Zuckerhüte aus.

Seine schwarzen Haare waren ausgedünnt und reichten ihm ein wenig über Augen und Ohren. Er mochte etwa sechzig Jahre alt sein. Regungslos saß der Indio vom Volk der Aymara in einer grünen, ausgewaschenen Uniform vor einem kleinen Blockhaus am Lago Chungara. Er war Aufseher des Lauca-Nationalparks im äußersten Nordosten Chiles an der Grenze zu Bolivien. Sein Blick wanderte ruhig über den mit Flamingos übersäten See zu den beiden Vulkankegeln, verweilte dort für unbestimmte Zeit und zog dann weiter nach links, nach Westen, wo eine Gestalt aus der Ferne näher kam. Die Abendsonne umhüllte ihn wie ein Lichterkranz. Meine Schritte waren nicht mehr so sicher wie am vergangenen Morgen. Die Sonne stand schon tief im Westen, tauchte die Spitzen des Doppelvulkans in ein warmes gelbliches Licht. Ich hatte aber keine Zeit mehr für eine Pause und zur Bewunderung der Landschaft. Meine Füße hoben sich nur noch schwer vom Boden ab. Bald würden die Nacht und der Frost hereinbrechen. Doch ich sah das Blockhaus am Horizont. Es musste die Nationalparkstation sein, wie mir der Mann von der Nationalparkbehörde in Arica gesagt hatte. Bald stand ich vor der Hütte und sah einem vielleicht 60 oder 70 Jahre alten, freundlichen Indio, der eine ausgewaschene, grüne Uniform trug, in die Augen. Wir lächelten uns zu, entspannt und zufrieden.

Der Aufseher nickte mir zu. Ich setzte mich zu ihm auf die Bank. Er fragte mich, woher ich komme. Vom Dorf Chucullo antwortete ich. Das sei ein schöner Weg, sagte er. Ich sah über den unendlich blauen See zum Doppelvulkan und dachte daran, dass ich erst gestern Abend noch im heißen Arica am Meer gewesen war. Und nun saß ich hier oben auf dem chilenischen Altiplano, am höchst gelegenen See der Welt. Ich fragte den Aufseher, ob ich ein paar Tage hier bleiben könne. Er antwortete einfach mit „Si“, stand auf und ging ins Haus.

Ich lehnte mich zurück, bis die Hauswand das Gewicht meines Rückens trug. Ich schloss die Augen und fühlte mich plötzlich müde. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Ich begann zu frieren. Als ich meine Augen wieder öffnete, stand der Indio vor mir, eine Tasse rauchenden Tee in der Hand. „Queres Mate“, fragte er und lächelte dazu. Ich versuchte zurückzulächeln und nickte leicht. Er reichte mir die Tasse, und ich nahm einen Schluck. Der Indio setzte sich neben mich und sah zum Vulkan. Ich sagte, dass er wohl sehr hoch sei, der „Vulcano Parinacota“. über 6300 Meter. Mehr sagte er nicht. Wir sahen beide zum Vulkan und schwiegen bis die Sonne hinter den Bergen verschwand und die vergletscherten Gipfel des Parinacota in ein helles Rosa tauchten.

Irgendwann mitten in der Nacht rissen flinke, brennende Finger meine Augen auf. Ein Ambos hockte sich auf meine Brust, quetscht mir den Sauerstoff aus den Lungen. In meinem Kopf klopften kleine Männchen mit spitzen Hämmern auf mich ein. Ich war wehrlos. Jede Faser meines Körpers tat mir weh. Ich fieberte und fror zugleich. Wenn ich meinen Schädel auch nur einen Zentimeter hob, überkam mich starker Brechreiz. Kraftlos gab ich mich den Krankheitssymptomen hin und stöhnte dem Morgen entgegen.

„L‘Altura“, sagte der Aufseher und gab mir am Morgen einen heißen, grünlichen Tee zu trinken. Gegen Mittag konnte ich wieder aufstehen. Ich fühlte mich wie Lazarus. In der Küche sah ich, wie der Aufseher Pflanzenstiele, die mit vielen kleinen, grünen Blättern besetzt waren, in zwei Tassen verschwinden ließ und sie mit kochendem Wasser aufgoss. „Esta Chachacoma“, sagte er. Ich erinnerte mich an den Tee von heute morgen und nahm die Tasse. Seine Leute vom Stamm der Aymara kochten immer Chachacoma, wenn jemand krank durch die Höhe sei, sagte er.

Die Landschaft um den Lago Chungara spielte am Tag nicht mit den Farben. Es gab das Weiß der Wolken und der Schneefelder, das Blau des Himmels und des Wassers, das Grün der Quenua- und Chachacoma-Sträucher, und es gab das Ockergelb der Felsen und des Sandes. Ich entdeckte eine etwa Handteller große Spur darin. „Puma?“ fragte ich. Der Aufseher nickte, „ein großer Puma.“ Wir folgten seiner Spur. Schon in Patagonien war ich einem Puma auf den Fersen gewesen. Leider erfolglos. Auch diesmal verloren wir in einem Blockfeld die Spur des Pumas.

Morgens war der Schneemantel des Parinacota in durchscheinendes Blau getaucht, abends nahm der Schnee das sanfte Rosa der Flamingos an, die am Tag über den See zogen. „Parinacota ist Aymara“, sagte der Aufseher. „Parina bedeutet Flamingo, und Cota ist der See.“ Am Fuß des vorderen Vulkankegels lag ein breites schwarzes Lavafeld, und von da ab reihten sich dunkle Felsen in einem schmalen Grad die rechte Seite des Kegels hinauf ehe sie sich knapp unter dem Gipfel in ewigem Schnee und Eis verloren. Er heiße Thomas Lara Machaca, sagte der Aufseher, und er sei noch niemals oben auf dem Vulkan gewesen. „Wir brauchen einen Tag von hier bis zum Lavafeld“, sagte er, „dann könnten wir die Felsen entlang zum Gipfel.“ Wir sahen uns an. Seit Tagen dachte ich nur an den Parinacota. Thomas wusste es. Vielleicht könnten wir es zusammen schaffen. Meine Knochen fühlten sich zwar wieder ganz gesund an. Ich konnte frei atmen, und nichts tat mir mehr weh. Und dennoch stimmte etwas nicht. Ich hatte Angst, Angst vor der Höhe. Ich versprach irgendwann wiederzukommen.

Am folgenden Tag brach ich auf. Etappenziel war die Grenzstation nach Bolivien, wo ich auf eine Mitfahrgelegenheit nach La Paz spekulierte. Dank der Wegbeschreibung von Thomas erreichte ich die Station noch in den Morgenstunden. Eine Handvoll Laster und ein Bus schienen dort schon ziemlich lange darauf gewartet zu haben, dass etwas passierte. Der Reisebus war orange lackiert, und auf der Motorhaube erlitt ein Christus die Schmerzen seiner Kreuzigung. Der Fahrer stand neben seinem Blechkasten, die Hände in den Taschen eines marineblauen Overalls versenkt. Mit dem braunen Gesicht eines bolivianischen Hochlandindios blinzelt er in die Morgensonne.

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