Leseprobe aus: Eckehard Pistrick, Versteckte Stimmen

Igoumenitsa/Konispol 18.9.2004

Nachdem mich die Müdigkeit in der Mückenabwehrschlacht besiegt hat, ist der Bus nach Konispol weg. Langsam klettert die Sonne über die Berge und das Taxi über den felsigen Weg nach Mavromatos. Den Grenzübergang hatte ich mir spektakulärer vorgestellt. Eine Einkerbung zwischen den Bergen, karge baumlose Hügel. Keine Flucht möglich. Improvisiertes Grenzhäuschen der Albaner steht monumentaler Abfertigungshalle der Griechen gegenüber. Unbürokratische Abwicklung auf der albanischen Seite: der Grenzer hat ein Jahr in München gearbeitet und beherrscht das Grundvokabular von „Wie geht’s?“ bis „Auf Wiedersehen!“. Durch die Langeweile angestachelte Neugier eines griechischen Zollbeamten. Liest meine Telefonnummern und albanischen Schimpfwörter. Möchte zu gern wissen was ich in Griechenland will. Ich will sehen ob es wirklich so anders ist, ob es hier einen Eisernen Vorhang gibt, der die Armen von den Reichen trennt. Stupides Warten auf der Bordsteinkante. Im Minutentakt kläfft der Grenzhund. Am Berghang spähen Soldaten nach der Grenze Europas. Ein Gefühl der Müdigkeit und Verlassenheit. Ich fühle mich beobachtet. Dann jagt ein brandneuer Mercedes-Bus heran. Das soll wohl die „Nicht-Europäer“ beeindrucken. Rauschen ans Meer. Sajada – ein Ort dessen Name „Tausendundeine Nacht“ heraufbeschwört. Zypressenpromenade, die den Hang hinaufklettert. Der Unterschied zu Albanien: die Hässlichkeit der Villen und die Asphaltierung der Straßen. Igoumenitsa: eine Stadt, die ihren Zweck erfüllt: Hafen nach Italien. Weit und breit nichts zu sehen vom Alten Griechenland. Das Beste noch die Kirche, angeblich von 1967 mit uralt wirkender Ausmalung, geschnitzter Ikonostase mit Vögeln und Weinranken und dem allgegenwärtigen Epirusadler. Heiligenparade mit Heiliger Barbara zum Verlieben. Die als zu knapp eingeschätzte Zeit verrinnt selbst in den Straßencafés nur in Tropfen. Schreibe bei einer Schiffsagentur italienische Städtenamen auf Griechisch ab. Zufällig finde ich zwischen Betonblöcken das wohl älteste Haus der Stadt: eine Villa mit Jugendstilanklängen. Nicht einmal das Ein- und Auslaufen der Schiffe ist ein Ereignis. Die Berge der Bucht sind verwundet, eingeschnürt von Höhenstraßen. Eine englische Jacht ankert. Die alternden Pensionäre in roter Uniform gehen im Schlauchboot an Land. Der Himmel ist bedeckt. Die Sonne hat ihre Kraft verloren. Auf dem Busbahnhof die Versuchung der Akropolis. Sieben Stunden bis Athen. Doch das käme einem Verrat an meinem Forschungsauftrag gleich. Die Griechen im Bus laut, aufdringlich, mit glatter Haut. Die Albaner in sich ruhend, vom Leben gezeichnet. Angeborener Stolz. Rückfahrt ins Land des schwarzen Adlers. Die Albaner machen Probleme: ich soll ein zweites Mal die Einreisegebühr bezahlen. Ich weigere mich umsonst. Junge Grenzerin und Freund nehmen mich dafür mit nach Konispol. Halt um die frischen Trauben zu kosten. Konispol erklimmt malerisch den Berghang. Uneinnehmbar. Auf dem höchsten Punkt der Basar. Mir wird sofort geholfen. Die Freundin der englisch sprechenden Ladenbesitzerin ist Sängerin. Bukuria (Schönheit) macht ihrem Namen alle Ehre. Schwarze Locken, Charisma mit etwas breitem Gesicht. Die Freundlichkeit in Person. Bei ihr zu Hause auf dem Sofa bin ich die Attraktion für die drei großäugigen Kinder. Sie kennt fast nur Çam-Hochzeitslieder und singt bewegend. Dann liest sie mir aus einem Kinderbuch die Geschichte von Osman Taka, Widerstandskämpfer gegen die Türken, vor. Ihr Mann erklärt andachtsvoll den dazugehörigen Tanz. Er wird mir sympathisch. Dann sind wir bei ihrer Mutter am Berghang eingeladen. Die alte Frau singt noch Partisanenlieder: mit Krückstock in der Ecke sitzend, ich vor ihr auf dem Boden, im Schneidersitz. Die größten Weintrauben werden für mich gepflückt. Bukuria liest mit klarer, heller Stimme Liedtexte vor, ich erzähle vom fernen Deutschland. Der Widerstand Konispols gegen die Deutschen, der zwei Monate dauerte, ist gebrochen. Jetzt sind wir Freunde. Die Familie besteht aus Lehrern und Lehrerinnen. Die Intelligenz des Landes scheint in diesem Haus zu wohnen. Der Wind nimmt dramatisch zu. Rückkehr zur Grenzerin. Um acht fahren wir nach Saranda. Bis dahin Besichtigung. Am unleserlich gewordenen Denkmal für die Gefallenen geht die Sonne in blutroten Streifen unter. Im grauen Nieselregen und in heftigen Windböen begegne ich einem Hirten. Im Windschatten des Denkmals duckt sich sein schwarzer Esel. Es ist plötzlich Herbst geworden. Ein burgähnliches Haus auf dem Berg interessiert mich noch. Die Nachbarin eilt herbei. Drei Rundbogenfenster erleuchten sich. Früher war hier eine Bibliothek. Wo die Bücher sind, weiß niemand. Als Übersetzerin eilt Neviana, die Tochter der Nachbarin, herbei. Schwarzes Blumenkleid, sympathisches Lächeln. Ich vollende ihre englischen Sätze. Die Zeit rennt. Trotzdem, ihre Einladung kann ich nicht abschlagen. Ihre Schwester und sie auf dem Sofa. Als ich von Poesie zu sprechen beginne, holt sie ihren ersten von drei Gedichtbänden hervor. Die Seiten kindlich bemalt mit Kuli und Herzchen. Auf der Titelseite Mohnblumen. Ein Gedicht „Ich suche die Liebe“. Ich fühle mich wie von einem Feuer erfasst. Sie scheint das zu bemerken. Das Buch kann ich nicht bekommen, es ist eine Erinnerung. Ich hinterlasse meine Adresse in der verzweifelten Hoffnung, dass sie mir das Buch schickt. Sie mag Blumen. Es war ihr ein Vergnügen mich zu treffen. Ihre Mutter überschwänglich. Ihr Haus steht an der Stelle der deutschen Kommandantur. Am Tor das schicksalhafte Jahr 1933. Das Auto nach Saranda ist weg. Die jungen Leute wissen nicht warum. Im Café werde ich als Attraktion von Tisch zu Tisch weitergereicht. Ein junger Sänger will mich für eine CD-Produktion gewinnen oder zumindest Geld für eine Aufnahme. Er hat eine schneidend-scharfe Stimme, er kann warten. Ich muss in Konispol bleiben. Rückkehr zu Neviana. Als ich ihren Namen rufe, wird mir fast schwindlig. Ihr Onkel lädt mich zu sich ein. Im Haus Nevianas zu übernachten ist ein absurder Gedanke, ich muss vorsichtig sein. Bleibt nur noch Sängerin Bukuria. Ihr Mann begleitet mich zum Haus der Mutter. Es ist dunkel und kühl. Er weiß nicht warum ich in Konispol bleibe. Dann liefert er mir das Ziel: Xhevahir Danga, der berühmte Sänger des Bergdorfes Markat. Morgen fährt ein Bus. Esse mit dem Sohn des Hauses Abendbrot. Mein Albanisch wird als kommunikationsfähig eingestuft. Ich erzähle von Deutschland, zeige Fotos. Im Fernsehen läuft Basketball: Albanien-Zypern. Müde Kommentare. Tiefschlaf und bellende Hunde. Mir fällt ein was Neviana heißt: die Vertrauende.

 

Shallës, 19.9.2004

Der Bus fährt unglaublich früh. Kein Kaffee hilft. Wir fahren Richtung Mursia, ich werde unruhig: wo liegt Shallës? Wo liegt Markat? Abzweig ins Pawla-Tal nach Villë. Von dort soll ich wandern. Die Felsformation erinnert mich an die Rocky Mountains. Xhevahir wohnt in Markat; angeblich zwei bis drei Stunden Fußweg. Nach einer Stunde freue ich mich, dass mich ein Kies-Laster mitnimmt. Ich stehe auf der Ladefläche im feuchten Kies, kralle mich fest, hoffe nicht herunterzufallen. Neben mir der Abgrund. Der Weg besteht aus Felsen. In Serpentinen geht es immer höher. Auf der Spitze ist die Welt zu Ende. Der Basar von Markat: vier Männer: zwei alte und zwei junge, wartend auf einen Bus, der nie eintrifft. Mir kann geholfen werden, aber der Sänger Xhevahir ist in Shallës zur Hochzeit. Das bestätigt auch seine Frau. Wie alt das Dorf ist? Keiner weiß es, aber 400 Jahre Schriftlichkeit. Die deutsche Ungeduld zwingt mich ins Taxi: 15 Euro.

Nach chaotischer Kraterstraße endlich das Dorf. Es ist noch früh am Morgen: 9 Uhr. Der zweite Tag einer Çam-Hochzeit. Das Haus neu, davor der Tanzplatz, umsäumt von Bänken, überspannt von Planen gegen die brennende Sonne. Ich werde ein Gast von 200 sein. Es wird ein großes Fest. Der Keyboard-Spieler führt mich in das Saze-Ensemble ein. Erste Aufnahmen. Bis 12 sind alle Gäste – auch aus Tirana – da. Ein bewegender Moment: unter Olivenbäumen wird das Brautpaar erwartet. Frauen tanzen mit Taschentüchern vor der Braut im sonnenweißen Kleid. Dahinter das Saze-Ensemble. Die Klarinette beginnt mit leisen Tönen. Wie eine Tochter wird die Braut von der Familie des Bräutigams empfangen. Nun tanzen alle. Jung und Alt drehen sich in Reihen, Bögen, Doppelreihen. Taschentücher markieren Anfang und Ende der Tanzkette. Der staubige Boden bebt. Jeder tanzt: ob mit klobigen Turnschuhen oder auf zerbrechlichen Absätzen. Ich sitze neben dem Saze-Ensemble: die Verstärkung scheppert, der Klarinettenklang durchdringt Häusermauern, der Gesang schwebt voller arabischer Ornamente wie von einem Minarett herab.

Festessen mit Shishqebab, Feta, Schafsfleisch zäh wie Leder und Bakllava- Blätterteig in Zuckersoße. Ausgelassenheit. Dann der langsame Brauttanz, angeführt von den Eltern und Geschwistern der Brautleute. Von Zeit zu Zeit schwenken Vortänzer 500-Lek-Scheine in der Hand und werfen sie den Musikern ins Essen. Laben haben ihre Lieder mitgebracht. Bauchtanzeinlagen von der türkisblauen Tänzerin mit dem Schwurhand-Collier. Dann fahren die weit gereisten Gäste. Die Schwester weint mit der Braut um die Wette. Sie will nicht gehen, immer wieder bleibt sie zurück und winkt. Ihre Augen sind blauschwarz umflossen. Ihr Körper bäumt sich auf als sie ins Auto steigt. Tiefe Traurigkeit auch in mir, als gäbe es nie ein Zurück.

Dann fegt der Tanz alles hinweg. Pause zwischen 5 und 8. Die Gäste müssen schlafen nach durchtanzter Nacht. Der Müll fliegt unter die Tische in die unschuldige Natur. Bekanntschaft Ksandri aus Ksamili. Er versteht alles. Er versteht Englisch. Seine Schwester ist gestorben. Wir klettern hinauf zur ruinösen Moschee. Literatur studieren: das ist sein Plan. Viele Dinge denkt er wie ich. Aber er mag Eminem. Ich zeige meine Begeisterung für die Kultur Albaniens und für Feste wie dieses. Seine Augen leuchten. Ein Schaf wird halb an allen Vieren getragen, halb mit langer Leine gezogen. Es ist störrisch. Auf dem Rückweg sehe ich warum. Es hängt am Baum. Aus dem Halsstumpf blutet es noch. Schafe sind klüger als wir denken. Die Schönheit eines Mädchens wird dadurch beeinträchtigt, dass sie die Eingeweide aus dem Schafsleib reißt. Die Gäste fluten zurück. Lichterketten flammen auf. Das halbe Dorf tanzt: die Alten gehen in die Hocke, die Frauen schütteln ihre Schultern und Hüften und die Jugend springt in doppeltem Tempo um den Kreis der Alten herum. Die Musiker erweisen sich als äußerst trinkfest: Xhevahir apathisch und müde bei den primitiven Schlagerimprovisationen des Keyboards. Kurze Gespräche mit der Dorfjugend über Zigaretten, Schönheit und Tanz. Ich überlege noch ob ich den Standardtanz Pogonishte mal probieren soll, da ruft uns Ksandri’s Tante zum Heimweg. Labyrinthischer Nachtaufstieg. Von oben ist die Hochzeit nur ein Lichterkreis. Da unten ist sie ein Symbol der Hoffnung, das Leben selbst. Die Unterhaltung mit Onkel und Tante auf der Terrasse erstaunlich flüssig. Der Onkel möchte wissen, was dasme auf Deutsch heißt. Hochzeit. Ksandri will schlafen. Ich muss im einzigen Zimmer übernachten. Fußwaschung. Die Mücken stören mich diese Nacht nicht. Um drei Uhr kurzes Erwachen: es wird immer noch gesungen.

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