Menschen mit Jahreskarten – Begegnungen im Zoo Halle

Es hängt direkt vor dem Fenster und bewegt sich sogar. Faultiere schlafen ungefähr 15 Stunden am Tag. Ich habe Anfängerglück bei meinem ersten Besuch im Zoo Halle, denn das Tier auf der anderen Seite der Glasscheibe bewegt sich auf Anhieb.

Eine alte Dame in oranger Jacke tritt neben mich. „Ja, die Paula, schauen Sie, sie ist das älteste Zweifingerfaultier Europas. Ach, was haben Sie Glück, dass sie sich gerade bewegt, die will wohl fotografiert werden.“ Paula sei außerdem der älteste Zoobewohner in Halle, ergänzt sie und redet weiter über die Dottertukane, die sich mit den drei Faultieren das Gehege teilen. Die Frau, eine sympathische Rentnerin, die ihre dauergewellten Haare unter einer orangen Mütze verbirgt, spricht die Tiere mit ihren Namen an. Ich frage, ob sie Lust habe, mit mir eine Runde durch den Zoo zu gehen. „Gern“, sagt sie, und schickt mich zu den Krokodilen, „ich komme gleich nach, zählen sie schon mal die Flughunde, die sind gestern erst gekommen.“ Ich finde auf Anhieb keines der Tiere, doch als die Frau dazukommt, zeigt sie sieben. Das achte schwimmt tot im Wasser.

Vom Krokodilhaus  aus begeben wir uns auf einen vierstündige Rundgang durch den Zoo.
Das Gelände, auf dem er sich heute befindet, war einst ein Geschenk des preußischen Königs an hallischen Mediziner Johann Christian Reil. Als Anerkennung für seine Verdienste hatte Reil das Berggelände erhalten und ließ dort eine Parkanlage anlegen. Als Reil 1813 an Typhus verstarb, wurde er auf diesem Gelände beigesetzt. Heute erinnert ein Gedenkstein an den bedeutenden hallischen Mediziner.

[sam id=“1″ codes=“true“]

Zwar ist der hallische Zoo mit einer Fläche von neun Hektar relativ klein, doch diesen Nachteil gleicht die Berglage des Geländes völlig aus. So freuen sich die westkaukasischen Steinböcke über ein Gehege mit Lebensbedingungen „fast wie zuhause“. Dafür musste sich der Zoo kaum bemühen, nur ein halber Meter Erde wurde ausgehoben, ansonsten ist das Gelände seit 1901 naturbelassen und so klettern die westkaukastischen Steinböcke heute an hallischen Steinhängen.

Auch für den Besucher hat die Berglage ihre Vorteile: Viele Tiere sind nicht nur von einem Standpunkt aus zu beobachten, sondern lassen sich von Plattformen und Wegen auf unterschiedlichen Höhen betrachten. Auf der Spitze des Reilsbergs steht der Aussichtsturm und gibt bei klaren Wetter den Blick auf weite Teile von Stadtgebiet und Umland frei.

Die alte Dame zeigt mir von dort aus Sehenswürdigkeiten der Stadt. „Sehen Sie, da hinten, hinter dem Hochhaus, da mit den Bögen, dahinter ist der Dom.“ Ich nicke eifrig, dabei gleicht die Aktion eher einem „Ich sehe was, das du nicht siehst“. „Na, das haben Sie doch gar nicht gesehen, oder?“ Wir bleiben auf der zugigen Spitze des hallischen Zoos, bis schließlich auch ich entdecke, was die Rentnerin schon lange sieht.

Als wir hinabsteigen und auf Rundwegen uns den Berg abwärts begeben, erzählt meine Führerin, dass sie drei- oder viermal in der Woche hierher komme. Die Jahreskarte mache es möglich, und wenn sie da sei, dann bleibt sie vier, manchmal fünf Stunden. „Ich muss doch meine Runde laufen, alle meine Freunde begrüßen.“ Dabei sei nicht ungewöhnlich, dass sich fremde Menschen zu ihr gesellen, erklärt sie. Ihren Namen mag die Rentnerin allerdings nicht verraten. „Mich kennen zu viele hier in Halle. Die halten mich doch für verrückt, wenn sie lesen, was ich hier rede.“ Und dann zeigt sie mir ihre Patentieren und erzählt von den Elefanten. Sie weiß, wer wann woher gekommen ist, wo er stand, als sie ihn zum ersten Mal sah.

Alle Namen der insgesamt 1.700 Tiere in 250 Arten, nein, die kenne sie nicht, sie wisse beispielsweise die der ganz kleinen Tiere, vieler Vögel, der Totenkopfaffen und der Kaiserschnurrbarttamarine nicht. Dass sie dennoch viele Namen gelernt hat, war persönlicher Ehrgeiz. „Ich war in Leipzig im Zoo, und manche Besucher mit Jahreskarten sprachen die Tiere mit ihren Namen an. Stellen Sie sich das vor – die wussten wie die Tiere heißen. Das wollte ich auch können.“ Inzwischen kann sie es.

[sam id=“1″ codes=“true“]

Natürlich könnte man, statt sich an eine fremde ältere Frau zu hängen, auch den Zooführer, eine äußerst ansprechend gestaltete Broschüre im Wert von drei Euro, erwerben. Aber das kann man immer noch bei seinem zweiten Besuch machen.

Wenn Sie im Zoo Halle einer alten Dame begegnen, die fröhlich Zoo-Tiere mit Namen begrüßt, schnalzt, mit den Pflegern schnackt und schließlich, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, eine Nuss aus der Jackentasche hervorholt und einem Eichhörnchen zusteckt, sprechen Sie sie an. Fragen Sie, ob sie Ihnen den Zoo zeigen mag. Dann haben Sie nicht nur beste Orientierung für den Rundgang – Sie lernen auch eine Menge über die Geschichte des Zoos und die Biografien seiner Bewohnern.

„Ich glaube, irgendetwas haben wir nicht gesehen, ich weiß nur nicht, was“, sagt sie, nachdem ich aus dem Streicheltiergehege gestiegen bin, und wir uns schließlich am Ausgang verabschieden. Der gesamte Zoo lässt sich so oder so nicht an einem Tag abhandeln. Da muss man wiederkommen. Und wieder. Vielleicht hat man irgendwann eine Dauerkarte und sieht doch jedes Mal etwas Neues.

Schreibe einen Kommentar