Michael Glawogger: Working Man´s Death

Michael Glawogger
Working Man`s Death
Österreich 2005, 122 Min.

Notiz vom Golden Apricot Filmfestival 2006

In den industrialisierten Ländern der 1. Welt gibt es sie fast nicht mehr – harte, körperliche Arbeit. Automatisierung und Computer haben dazu geführt, dass dort immer weniger Menschen „im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen.“ Doch auch wenn man in den komfortabel augestatteten Fabriken des Westens auf die Ausbeutung der menschlichen Körperkraft heute fast ganz verzichten kann, verschwunden ist dieses Phänomen nicht. Im Gegenteil – Michael Glawoggers Film zeigt eindrücklich: In Zeiten der Globalisierung bleibt der Mensch als Arbeitssklave weiterhin ein wichtiger Faktor der Weltwirtschaft.

In fünf Episoden, betitelt Helden, Geister, Löwen, Brüder und Epilog, zeigt er Männer, die skrupellos ausgebeutet werden. Im Kampf um das schiere überleben, tragen sie buchstäblich ihre Körper zu Markte und vernichten damit gleichzeitig Tag für Tag ihren einzigen Besitz: Leben und Gesundheit. Sie arbeiten, um zu essen, und oft reicht es noch nicht einmal dafür. Der Zuschauer sieht Bergarbeiter in der Ukraine, die mit bloßen Händen Kohle aus dem Boden kratzen. In der einstigen Sowjetunion als Helden der Arbeit verehrt und gefeiert, stehen sie nun am untersten Ende der sozialen Hierarchie. In Indonesien folgt Glawogger Minenarbeitern, die am Hang eines Vulkans schwefelhaltiges Gestein abbauen. Umgeben von Dämpfen und Tümpeln voller brodelndem Wasser schlagen sie gelbe, bizarr geformten Brocken aus dem Berg. Anschließend schleppen sie ihre Ausbeute über schmale Pfade auf dem Rücken steil bergauf. Bis zu 150 Kilo trägt dabei ein Mann.

Diese und andere von Glawogger gezeigten Beispiele belegen aber nicht nur, dass die totale Ausbeutung menschlicher Körperkraft in vielen Teilen der Welt alltäglich ist. Er zeigt auch: Die Arbeitssklaven der Gegenwart sind keine Opfer archaischer Strukturen, sondern direkt eingebunden in moderne, globale Wirschaftsprozesse. Ihre in der 1. Welt verdrängte und ignorierte Existenz ermöglicht erst eine Form der kapitalistischen Wertschöpfung, die letztendlich dazu führt, dass in den Arbeitswelten westlicher Länder der Faktor Körperkraft seine ursprüngliche Bedeutung fast verloren hat. Besonders deutlich wird dies in der mit dem Titel „Brüder“ überschriebenen Sequenz des Films. Unter unvorstellbaren Bedingungen zerlegen in Indien Arbeiter riesige Tanker zu Schrott. Ihre billige Körperkraft ist Bestandteil einer Produktionskette, deren Nutznießer große Reedereien und ihre westlichen Eigner sind. Glawoggers Film ist eine Offenbarung. Nicht nur, weil er die Ausbeutung körperlicher Arbeit als globales Phänomen sichtbar macht und damit bei uns längst verdrängtes an die Oberfläche befördet. Ganz entscheidend ist, wie ihm dies gelingt. Er findet atemberaubende Bilder, bleibt seinen Protagonisten auch dort ganz nah, wo es nahezu unmöglich erscheint. Kriecht z.B. mit russischen Bergarbeitern so tief in enge, primitiv abgestützte Schächte, dass einem beim Zuschauen geradezu die Luft wegbleibt. Am Hang des Vulkans hängt sich seine Kamera an die Minenarbeiter, die schwer beladen und doch mit geradzu leichtfüßiger Eleganz auf schmalen Pfaden den Berg hinaufeilen. Der entstehende Eindruck ist schwindelerregend. Auch wer selbst das Glück hatte, von derartigen Strapazen verschont geblieben zu sein, erhält durch Glawoggers Film einen unvergesslichen, geradezu körperlich spürbaren Eindruck davon, was es bedeutet ein Arbeitssklave zu sein. Struktur und Bildsprache des Films ziehen den Zuschauer in einen Sog. Doch dies allein ist es nicht, was ihn so herausragend macht. Jenseits der Bilder sind es seine Protagonisten, die menschliche Stärke, mit der sie ihr Ausgeliefertsein ertragen, die zutiefst bewegen. Trotz ihrem alltäglichen und im Grunde nicht zu gewinnenden überlebenskampf, gelingt es ihnen, Würde zu bewahren, Stolz zu artikulieren, zu lieben und sich gegenseitig beizustehen. Das rührt teilweise zu Tränen und ist doch kein bisschen sentimental. Die Protagonisten sind nüchterne Männer, die ihren Platz in der Welt und ihr Schicksal sehr genau kennen. Und da sie sehr sachlich für sich selbst sprechen können, verzichtet Glawogger folgerichtig darauf, seinen Film mit einem allwissenden, analytischen Erzähler leichter verdaulich aufzubereiten. Wer dies akzeptiert und bereit ist, herkömmliche Sehgewohnheiten aufzugeben, dem bietet dieser atemberaubende Film die einmalige Chance, innerhalb von knapp zwei Stunden alles wesentliche über unsere moderne Welt und das Leben in Zeiten der Globalisierung zu erfahren.

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