Morungen

Der alsô vil geriefe in einen touben walt,
ez antwurt ime dar ûz eteswenne

Von Nils-Christian Engel

Ein vielfaches Kopfnicken geleitet den Wanderer die Dorfstraße hinauf. Wer hier wandert, muss ein Fremder sein, wer aber hier wandert, kann nicht von allzu weit herkommen. Die Freundlichkeit der Morunger hat etwas Verschwörerisches, sie ist von einer ebenso unentdeckten wie unentwickelten Gastfreundlichkeit. Nicht wahr, hier ist es wirklich schön, auch wenns außer uns noch keiner bemerkt hat. Und warum sollte man sich mit der touristischen Infrastruktur übertriebene Mühe geben, wenn sie sich nicht rechnet? Kaffee trinken wir lieber zu Hause.

Gut zweihundert Einwohner zählt das Dörfchen Morungen, das sich am Fuß des Vorharzes, sechs Kilometer hinter Sangerhausen in einer Falte des Molkenbachtals versteckt. Ein Ort mit gepflegten Häusern und Straßen, prachtvollen Hühnern und einem vielstimmigen Chor der Hofhunde, dessen Gesänge von den steilen, dicht bewaldeten Talhängen wiederhallen. Zwei Schlösser stehen gleich am Ortseingang, ein neugotisches, das zu DDR-Zeiten ein Genesungsheim des FDGB war und sich heute in Privatbesitz befindet, und, einen Steinwurf weiter, sein älterer, vor ein paar Jahren abgebrannter Vorgänger, zwischen dessen verkohlten Resten noch spätmittelalterliche Bausubstanz zu erkennen ist. Mitten im Dorf, wo es hingehört, findet sich das hübsche, barocke Kirchlein St. Nikolai, und als sei das alles noch nicht genug, haben die Morunger auch noch die Linde auf ihrem Dorfplatz stolze 900 Jahre alt werden lassen.

Kurz bevor der Wald beginnt, frage ich nach dem Weg zur Burg. Die alte oder die neue? Die neue. Dann immer weiter, und rechts halten. Man kann es wirklich nicht besser erklären: Obwohl die Ruine Neu-Morungen da oben nirgends auszumachen ist, kann doch nur dieser hier der Burgberg sein. Also noch ein Stück weiter, dann dem Waldweg nach rechts folgen und alsbald in einem weiten Bogen den Hang hinauf. Der Mensch scheint ein angeborenes Gespür zu haben, wo eine Burg gestanden haben muss, auch wenn von ihr fast nichts übrig ist. Die Hundestimmen bleiben zurück, hin und wieder fällt ein Klappern oder Rufen aus dem Dorf in die Stille des Waldes. Oben auf der Karstklippe angekommen lässt der Boden noch deutlich erkennen, was für eine mächtige Anlage hier einst thronte. Gräben, Wall- und Maueranlagen, die sich unter dem Mischwaldhumus abzeichnen, sowie das Fragment eines ansehnlichen Burgfrieds umreißen imposante Ausmaße. Nur die Vorstellung einer Burg kann beeindruckender als eine Burg sein, und ich ertappe mich beim Ritter-Spielen, eine lang vermisste Versuchung. An einer Stelle gibt der Steilhang den Blick frei auf das Tal und auf den gegenüberliegenden Hügel, der die Reste Alt-Morungens trägt. Von dieser ersten Burg ist so gut wie nichts erhalten. Sie wurde um das Jahr 1200 zugunsten der neuen Burg aufgegeben, in der Zeit also, als der berühmteste Morunger lebte, Heinrich, von dem kaum mehr bekannt ist als seine 115 Strophen Minnesang. Ich beende mein Ritterspiel und fülle die Leere der abwesenden Mauern mit Heinrichs Liedern, die ich in der Tasche habe. Denn wie man in den lichten Wald ruft, so schallt es heraus, und nur an verschwiegenem Orte wie diesem geschieht die Offenbarung:

ich lieze iuch sehen mîne lieben vrouwen,
der enzwei braeche mir daz herze mîn,
der mohte sî schône drinne schouwen.

Auf dem Rückweg, in der verfrühten Dunkelheit des Waldes, geleitet mich der Hundechor die Dorfstraße hinab. Es ist unmöglich, Morungen unbemerkt zu verlassen. So grüßt das Dorf den längst nicht mehr fremden Wanderer zum Abschied.

 

Morungen und die Morunger im Internet

www.morungen.de
www.karstwanderweg.de
Heinrich von Morungen auf www.mediaevum.de

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