Reise in die Kupferzeit

Archäologen aus Sachsen-Anhalt unterwegs in Armenien

Es ist Mittwoch Nacht, halb zwei im armenischen Sisian. Vor dem Gästehaus steht ein Rasensprenger im Wasserbecken und spielt Springbrunnen. Ein Kleinbus rollt auf die Parkfläche, die Mitglieder der deutschen Archäologen-Delegation erreichen ihr letztes Nachquartier außerhalb Jerewans. Die Ruhe ist von kurzer Dauer. Am nächsten Morgen beginnt die letzte Etappe, Sorats Karer, die Vogelhöhle bei Areni, das Kloster Noravank und die mittelalterlichen Siedlungen von Dvin stehen auf dem Tagesplan.

Vom 6. bis 12. Juni 2009 reisten Archäologen, ein Archäometriker, ein Geologe, ein Fotograf und ein Vertreter des Kultusministeriums Sachsen-Anhalt durch die Republik Armenien, um Ansätze für eine deutsch-armenische Zusammenarbeit im Bereich der Archäologie zu finden. 2008 begleiteten Dr. Alfred Reichenberger und Dr. Harald Meller vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt eine Kultusdelegation des Landes Sachsen-Anhalt nach Armenien. Als neuer Schwerpunkt der deutsch-armenischen Aktivitäten wurde dabei die Archäologe bestimmt: Deutsche Spezialisten sollen bei Rettungsgrabungen beim Straßenbau helfen und bei der Vermessung und Dokumentation von Steinkreisen. Armenische Restauratoren sollen bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Deutschland weitergebildet werden.

Ein erstes Projekt konnte bereits begonnen werden: Der mitreisende Vermessungstechniker vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt, Olaf Schröder, vermaß vier Tage lang die Steinreihen in der Nähe von Gyumri. „Damit können wir schon nach dieser kurzen Exkursion erste Ergebnisse vorzeigen“, so Dr. Reichenberger.

Täglich sind die Mitglieder der Delegation, die schon zuvor bei anderen Projekten wie der Himmelsscheibe von Nebra zusammengearbeitet haben, über vierzehn Stunden unterwegs. Die Tage sind straff geplant – ein Balanceakt, will man möglichst viele Fundstätten besuchen und zugleich jede ausführlich genug besichtigen, um mögliche Projektideen zu finden.

„Wir haben gesagt, was uns interessiert, und die armenischen Kollegen haben uns ein Programm zusammengestellt“, erklärt Dr. Reichenberger. So besucht die elfköpfige Delegation archäologische Fundorte aus der Stein-, Bronze- und Kupferzeit sowie aus dem Mittelalter und besichtigt Obsidian- und Goldlagerstätten.

Die herausragende Entdeckung des Tages wird die Vogelhöhle bei Areni. „So eine gute Ausgrabungsstätte habe ich seit Jahren nicht gesehen. Alles, was Sie getan haben, haben sie perfekt gemacht“, lobt Dr. Meller den armenischen Archäologen Boris Gasparyan, der dort seit 2 Jahren die Ausgrabungen leitet.

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In der Vogelhöhle sind auf drei Ebenen Funde erhalten, darunter Samen, Obst und Gemüse und sogar eine vollständige Weinproduktionsstätte. Keramik und Textilien aus der Kupferzeit sind konserviert „als hätte ich ein neues Hemd gekauft und einmal durch den Staub gezogen, und würde nun sagen, das sei aus der Kupferzeit‘“, so Gasparyan. „Viele Kollegen hätten nicht geglaubt, dass aus der Kupferzeit Funde derartig gut erhalten sein könnten. Hier ist der Beweis. Fragen des Glaubens gehören nach Edschmiadzin,“ den Sitz des Oberhauptes der Armenisch-Apostolischen Kirche.

Gemeinsam mit zehn Helfern gräbt Gasparian in der Höhle. „Anfangs war uns gar nicht bewusst, mit welchen Funden wir es hier zu tun haben.“ Nun hat er sich zum Ziel gemacht, in der Höhle ein Museum einzurichten. Viel Arbeit für den Archäologen – und die Höhle ist nicht sein einziges Projekt.

Meller bietet Unterstützung bei den Grabungen, bei der Ausbildung von armenischen Archäologen an und betont: „Es handelt sich um eine außerordentlich wichtige Fundstätte – für die europäische Archäologie.“

In Armenien gebe es zahlreiche interessante Fragestellungen für Archäologen, da war sich Dr. Reichenberger schon vor Beginn der Reise sicher. Erste Projekte sollen nun die Vermessung der Steinreihen und die Untersuchung der Obsidianlagerstätten in Armenien werden – womit man nicht nur die armenische Archäologie voranbringt, sondern möglicherweise auch Rückschlüsse auf die eigenen Funde in Deutschland ziehen kann. Sind die Steinreihen in Armenien astronomisch ausgerichtet – ähnlich wie die deutschen? Stammen in Europa gefundene Materialien vielleicht aus Armenien? Das ließe sich durch lagerstättentypische Materialzusammensetzungen und -verunreinigungen feststellen.

Ein deutsch-armenische Zusammenarbeit von Archäologen und Naturwissenschaftlern könnte Antworten finden.

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