Symbolon

Notizen einer Reise nach Balaklawa (Krim)

von Daniela Danz

Die Barbarei beginnt mitten in Berlin auf dem Ostbahnhof. Wer hier in den Kurswagen Berlin-Simferopol steigt, ist nicht mehr ganz in Deutschland, er hat schon ukrainisches Territorium betreten. An der Scheibe des Waggons steckt ein kleines, in den deutschen Fußballfarben und den ukrainischen Feld- und Himmelfarben bemaltes Zuglaufschild, auf das in schwarzer Fraktur Anfang und Ziel der Reise geschrieben sind. Für die nächsten zwei Tage wird dieser Waggon an die siebzig Menschen mit den verschiedensten Reisegründen auf engstem Raum beherbergen: zu der im Sterben liegenden Mutter in Dschankoi, zur trotz jahrzehntelangen Wohnens in Deutschland nicht aufgegebenen Wohnung in Dnepropetrowsk, zum Treffen der Christengemeinschaft in Koktebel, zum Kennenlernen der Geschwister der braunlockigen Sascha, von dem man nicht weiß, ob es überhaupt um das gegenseitige Kennenlernen des künftigen Schwagers und der Geschwister geht, oder nicht vielmehr um ein Entfremden der in Deutschland fast schon heimisch gewordenen Sascha. Sobald wir uns in dem engen Abteil zu viert eingerichtet haben, geht sie, soweit das in der Enge des Waggons möglich ist, ihrer Wege. Ich bleibe mit Bernd und ihrem Kind zurück und versuche, seine Angst zu beschwichtigen, die mit dem zunehmenden Leerwerden der Landschaft vorm Fenster wächst, die Angst, Sascha an diese Weite zu verlieren, aus der sie kam und die dahinter geahnte größere Angst, daß es eine Zweisamkeit mit einer fremdgewordenen Sascha selbst in Deutschland nie gegeben hat. Dazu gesellt sich die irreale Vorstellung, daß sie ihn nur mitgenommen hat, um ihn hier irgendwo in der Steppe aus dem Zug zu stoßen oder auf einem Bahnsteig zu vergessen. Nach der zweiten Nacht sitzt Sascha den ganzen Vormittag im Abteil eines jungen Ukrainers und sieht ihm bei einem Videospiel am Smartphone zu. Einer ihrer mit Glimmer beklebten künstlichen Fingernägel ist abgebrochen, was selbst uns Frauen kaum noch in Mitgefühl verbinden kann, denn angesichts der immer prekärer werdenden hygienischen Bedingungen halte ich diesen Verlust eher für vorteilhaft. Mit Bernd an meiner Seite und Saschas Kind mehr auf als neben mir, gebe ich es auf, die gleichförmige Landschaft vorm Fenster durch Lektüre zu gliedern, ich beschränke mich darauf, dem Rhythmus der Wagenräder zu lauschen und mich wie beim Traben dem Schaukeln des Zuges einzuschmiegen. Inzwischen ist mir auch klar geworden, daß Iphigenie mich nicht ernähren kann und auch nicht die Ilias, nicht Pindar, Mandelstam und Waterhouse. Da es im Zug kein Restaurant und inzwischen auch kein Wasser mehr gibt, bleibt mir nichts übrig, als auf das Passieren der Grenze zu warten, wo uns Frauen mit Gekochtem, Obst und Getränken und Männer mit Stangen voller getrockneter Fische, die sie zu den geöffneten Gangfenstern hochheben, versorgen werden. Warum also, muß ich mich fragen, dachte ich, daß statt Brot mir ein Rucksack voll Bücher auf dieser Reise nützlich sein könnte? Warum kann ich gar keine Reise ohne Bücher machen? Die Armenier zum Beispiel, haben`s da besser. Wenn die in die Barbarei kommen, sagen wir nach Deutschland, Frankreich, Kanada, oder eben auf die Krim, dann haben sie dort eine Diaspora und brauchen keine Bücher, um mit dem Neuen verbunden zu sein. Wir aber ziehen selbst in den Krieg nicht ohne Iphigenie, wenn wir vermuten, daß es uns nach Taurien verschlägt. Und wie fände ich das, wenn meine Gedichte später einmal im Rucksack eines Soldaten auf die Krim getragen werden. Oder setzt mein Bücherlesen den Krieg um Balaklawa fort? Mit Tennyssons Charge of the Light Brigade und Damians Taurischem Tagebuch im Gepäck hin, mit drei, vier Gedichten im Kopf zurück, die einer eines unseligen Tages vielleicht wieder im Marschgepäck auf die Krim trägt … Und wenn er zurückkommt, wird er neue Texte mitbringen, die Spuren des Gelesenen in sich tragen? Wenn man mit Farbe ein Wort auf das Hügelnest eines Ameisenstaates sprüht, so sieht man nach zwei Wochen nichts mehr davon, nach weiteren zwei Wochen tauchen hier und dort wieder Farbpartikel auf, weil die Ameisen in einem fort die Decke ihres Nestes umgraben.

Iphigenie also am äußeren Rand Europas. Europa, das sage nicht ich, das schreibt Euripides. Ich lese ihn mit meinen Augen: Iphigenie bietet ihm die Chance, das Zentrum von der Peripherie aus zu betrachten. Athen im Niedergang, Alkibiades richtet es mit einem fadenscheinigen Präventivkrieg vollends zugrunde. An den Rändern des Reichs aber blühen die griechischen Städte, sie bewegen sich im Fremden als wäre es das Eigene und wer will das schon unterscheiden, dort, wo die Gesetze des Zentrums als exotische Grüße aus Übersee erscheinen. Doch Iphigenie kennt die Motive der Postkarten. Hinter den dicken Mauern hat sie gewohnt, bis Athene sie als Mitarbeiterin im auswärtigen Dienst auf den Tavrosberg versetzte. Und weil die mythischen Orte immer da sind, wo wir sie suchen, hat der Artemistempel natürlich hier gestanden, wo ich bin, auf dem Berg Tavros, unter dem Stalin sein geheimes Projekt 825 GTU, einen Atombunker, der der zehnfachen Kraft der Hiroshima-Bombe standgehalten hätte, in den Fels graben ließ. Hier liefen die U-Boote der Schwarzmeerflotte in den von Steinblöcken und Netzen getarnten Tunnel ein, um am anderen Ende der Bucht repariert und mit Torpedos, wenn nötig auch mit Atomwaffen ausgestattet, wieder entlassen zu werden. Eines der bestgehüteten Geheimnisse der Sowjetunion: der ganze Ort Balaklawa mit seiner 2500jährigen Geschichte wird fast ein halbes Jahrhundert lang totale Sperrzone und von den Landkarten getilgt. Ein nicht vorhandener Ort, eine Leerstelle zwischen Kap Fiolent und Kap Aia. Auge im Orkan des Kalten Krieges, in dem angeblich 3000 Menschen im Falle eines Atomkrieges drei Wochen hätten überleben können. Eine Arche Noah ohne Tiere, und was nach der „wechselseitig zugesicherten Zerstörung“ (mutual assured destruction) übrig gewesen wäre, wären lediglich Steine, genug für Deukalion und Pyrrha, sie hinter sich zu werfen und auf ein neues Menschengeschlecht zu hoffen.

Symbolon nannten die Griechen die Bucht von Balaklawa, ein Zeichen, die Hälfte eines zerbrochenen Rings, der dem Gast mitgegeben wurde als Erkennungsmal, denn zusammengefügt ergeben die beiden Hälften das Ganze. Sieht man vom Berg Tavros über die Bucht, begreift man, wie sie zeichenhaft über sich hinausweist, auf ihre andere Hälfte wartet, auf den, der versteht. Also nehme ich die Fähre Merkur und fahre in die Bucht vor Kap Aia um dort auf einem im Meer liegenden Felsbrocken zu lesen. Die Sonne wandert übers Firmament. Abends bringt Merkur mich durch die Enge der ineinandergreifenden Felszungen in die bunte Bucht zurück, ich trinke schweren Massandrawein, ich lese. Zum Beispiel die Geschichte des Grafen Ligne, der in Begleitung Katharina II. auf dem Schiff nach Kap Fiolent fuhr. Als sie sich nicht über den Standort des Artemistempels einigen konnten, schenkte die Zarin dem Grafen kurzerhand das umstrittene Kap, woraufhin er ins Wasser sprang und schwimmend von seinem Eigentum Besitz ergriff. Das scheint mir, nachdem die Sonne nun untergegangen ist, die beste Weise, die andere Hälfte des Symbols dieser Bucht zu verstehen. Schwimmend Besitz ergreifen. Überhaupt besitzen, um zu verstehen. Eine zweifelhafte, aber doch verständliche Methode. Ich kaufe mir an einem Souvenirstand eine Korallenkette und lasse sie mir gleich um den Hals legen. Die dünne rote Linie fällt mir ein, die im Krimkrieg die Engländer in ihren roten Uniformen in den Sapun-Bergen bildeten: sie feuerten so lange nicht, bis die Russen sich auf 30 Meter genähert hatten, dann aber richtig. So kleine blutrote Kugeln um meinen Hals, nein, auf diese Weise läßt sich nichts verstehen. Aber habe ich nicht gestern in einem Höhlenkloster in den Bergen von Bachtschyssaraj den Mönch Pawel getroffen, der sich als Krimtatare durch mein Deutschsein nicht nur an die Krimgoten, sondern auch an das Märchen von der Schneekönigin erinnert fühlte, wo der kleine Kai inmitten von Eisstücken kniet, aus denen er vergeblich versucht, das Wort Ewigkeit zusammenzufügen, bis es schließlich die vor Wiedersehensfreude tanzenden Eisstücke von selbst bilden.

Um zu verstehen, was ich mit dem Eispuzzle zu tun habe, reichte mein Russisch nicht hin, also habe ich es mit einem Blick über die Berge zum weit entfernten Meer auf sich beruhen lassen. Doch nun taucht das Puzzle des kalten Kai wieder auf als die Möglichkeit, daß sich auch mir in einer tanzenden Freude die Bruchstücke der Geschichte des Ortes, die Zeichen, zu einem Wort zusammensetzen könnten. Die Korallen um meinen Hals, die Bücher in meiner Tasche, der Massandrawein, das alles würde eine zufällige Bewegung aus seiner Zeichenhaftigkeit in die Bedeutung setzen, in der ich es verstehen könnte. Aus einer ihrer möglichen Konstellation käme eine knappe Antwort auf die Frage, die diese Bucht an mich stellt: wer bin ich? Und jeder weiß, daß das heißt: wer bist du?

Immer bereist man sich selbst. Was bereise ich mit den Büchern im Kopf? Die Krim oder meine Bücher. Der Wehrmachtsoffizier Damian schreibt in seinem Taurischen Tagebuch über den Sinn seiner dilettierenden historischen Forschungen in einer temporären Etappe: „Im gegenwärtigen Augenblick dienen sie nur der Rechtfertigung und Beglaubigung meiner Existenz auf diesem seltsamen Stück Erde, in das mich der Zufall geführt hat. Ob es mir je gelingen wird, in seinem launenhaften Spiel eine durchgehende Spur oder gar einen Plan zu erkennen, dem ich mich anvertrauen kann. Vermutlich sind wir nur hier, um irgendetwas Unerreichbares immer wieder von vorne zu beginnen. Vielleicht läßt sich der blinde und tödliche Zufall nur durch das bannen, was wir unumstößlich und unzweifelhaft wissen.“

Später schreibt er von der „vergegenwärtigenden und sinndeutenden Kraft der Sprache“ angesichts des Grenzortes zwischen Menschenwürde und Barbarei, an dem er sich auf der Krim sieht. Barbarei diesmal nicht im Sinne des nicht-griechisch Sprechens.

Die „vergegenwärtigende Kraft der Sprache“, ist das nicht die Beschreibung eines Kultus, einer Handlung der Immanenz. Ich habe meine Bücher auf das leere Bett meines Zweibettzimmers gelegt, ich verändere ihre Anordnung täglich, wähle mir ein paar aus, die ich den ganzen Tag über bei mir trage. Ein Reisealtar, aus dem heimatlichen Heiltum meines Bücherregals zusammengestellt. Ich besaß nie einen Reisealtar, trage mich jetzt aber mit dem Gedanken, mir unter den käuflichen Ikonen der Krimklöster einen auszuwählen, denn mir scheint, es könnte der Sinn eines solchen Altars für mich darin bestehen, die Bilder der Heiligen vor den verschiedenen Hintergründen als etwas Bekanntes neu zu sehen. So wie man seine Bücher auf einer Reise anders liest als zu Hause, weil man ein anderer ist, ein aus den Zusammenhängen Gelöster und ebenso auf das ganz Eigene, wie auf das ganz Fremde verwiesen, ohne Vermittlung des Nahen und Vertrauten. Als fehlte in einem Bild der Mittelgrund, nur der Vordergrund mit einem Mensch und der Hintergrund mit fremden Menschen und Landschaften wäre übrig.

Der Effekt ist der, der sich beim Blick durch eine Schießscharte oder andere kleine Öffnung einstellt: die vom Vordergrund begrenzte Welt scheint unermeßlich weit – weiter, als wenn man sie frei überblicken könnte. Wie einfach muß die Topografie dieser Gegend einem Einheimischen erscheinen und wie lange brauche ich, bis ich, am letzten Abend meiner Reise, nach einem Gang über die windigen Höhen von Balaklawa, sie etwas besser ordnen kann und eine Ahnung von den Truppenbewegungen bekomme, die hier stattfanden. Von der Hoffnung, die sich angesichts der fortifikatorischen Möglichkeiten des Geländes der Soldaten bemächtigt haben muß, ebenso wie die Angst vorm Präsentierteller, wenn die Festungen doch den Gegner nicht aufhalten konnten oder er über die ungeschützte Flanke heranrückte. Ich nehme mir, besitzergreifend, den Zapfen einer Kiefer mit, die den ganzen Tag auf die Bucht hinausblickt und ihre verschiedenen Zustände kennt. Den will ich zu Hause verbrennen, damit sich das Eingeschlossene, das es natürlich in einer der möglichen Welten so wenig gibt, wie es in einer anderen doch wirklich ist, freisetzt. Als Souvenir für diesen Moment des aufblitzenden Verstehens der Topografie, in dem ich die andere Hälfte des Symbolon war und zusammengefügt mit diesem Ort.

Das Zuglaufschild Simferopol-Berlin klebt wie eine Postkarte von zu Hause hinter der Scheibe. Bis Lichtenberg bin ich noch im sicheren Schutz der Barbarei, des sanften tatarischen Schnarchens meiner Abteilgenossen. Allmählich aber flattern ein paar Fetzen deutscher Sprache durch den Waggon, denn wenn unser Zug auch wie eine geschlossene Welt die Grenzen passiert, so scheint sich die Sprache doch den Mehrheitsverhältnissen der Außenwelt anzupassen. Sascha ist nicht mehr dabei, ich frage mich, ob sie jetzt zurückkommen würde zu Bernd, sanft und schengenzahm.

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