Von Geistern und Kamerafallen – die Entdeckung eines Kaukasus-Leoparden

Kaukasischer Leopard in Armenien - (c) FPWC

Der Kaukasus-Leopard wurde in den armenischen Bergen lange Zeit mehr vermutet als beobachtet. Wiebke Zollmann berichtet von den Anstrengungen der deutsch-armenischen Umweltschutzorganisation FPWC, dem seltenen Tier angestammte Lebensräume im Südkaukasus wieder zu erschließen.

Im Jahr 2010 pachtete die armenische Umweltschutzorganisation FPWC (Foundation for the Preservation of Wildlife and Cultural Assets) 5.000 Hektar Land, das direkt an das staatliche Naturschutzreservat Chosrow grenzt. Ein privates Reservat neben dem staatlichen − Ruben Khachatryan, Gründer und Direktor der FPWC, erklärt: „Wir wollten dieses Gebiet schützen. In den letzten 15 Jahren sind dort zwei der extrem seltenen Kaukasus-Leoparden erschossen worden. Es war ein Eldorado für Wilderer, um Bezoar-Ziegen und armenische Mufflons zu jagen.“

Im Caucasus Wildlife Refuge (CWR), so die offizielle Bezeichnung des Projekts, das in Zusammenarbeit mit dem World Land Trust (WLT) und der International Union for Conservation of Nature, National Committee of The Netherlands (IUCN NL) entstand, ist Wilderei nun verboten, und die landwirtschaftliche Nutzung stark eingeschränkt. Nur an einer einzigen Stelle darf Vieh geweidet werden. „Es gibt ein Kerngebiet, wo wir sehr selten auch nur für Beobachtungen hingehen. Wir wissen, wenn wir dort sind, stören wir die Tiere. Und es gibt Wege, an den Rändern des CWR, die wir zu bestimmten Zeiten für Tourismus öffnen können“, so Ruben Khachatryan.

Um sicherzustellen, dass die Regeln im CWR eingehalten werden, machen die Wildhüter täglich Kontrollgänge, -fahrten und -ritte. Ohne ihr Wissen betritt niemand das Gelände. Erste Erfolge lassen sich – unter anderem – in der Zahl der einheimischen Bezoar-Ziegen (Capra aegagrus aegagrus) messen: Sichteten die Wildhüter 2010 noch Herden von drei bis zehn Tieren, waren es drei Jahre später schon Gruppen von bis zu 40 Tieren. Die Spezies steht als „verletzlich“ klassifiziert auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Arten. Nach Schätzungen der ICUN hat die Anzahl der Tiere weltweit innerhalb von drei Generationen um 30% Prozent abgenommen. Bezoar-Ziegen sind aber nicht nur selbst eine gefährdete Art. Neben Mufflons und Rothirschen zählen sie auch zu den bevorzugten Beutetieren des vom Aussterben bedrohten Kaukasus-Leoparden (Panthera pardus saxicolor).

Laut Schätzungen der FPWC leben heute höchstens acht bis zehn Kaukasus-Leoparden in Armenien. Der WWF, dem in Südarmenien mehrere Foto-Aufnahmen gelungen sind, spricht sogar von nur drei bis fünf Tieren; der weltweite Gesamtbestand der Spezies beläuft sich auf weniger als 1.300. In der armenischen Ararat-Provinz, wo das Schutzgebiet der FPWC und das Chosrow-Reservat liegen, existierte der Kaukasus-Leopard – abgesehen von zwei Tieren, die Wilderern zum Opfer gefallen sind – jahrelang nur als Geist: Anfang der 2000er Jahre sichtete der Wildtier-Experte Manuk Manukyan einen Leoparden im Naturschutzreservat Chorsrow – aber bis er seine Kamera hervorgeholt hatte, war das Tier verschwunden.

Eine Dekade später, im April 2012, entdeckten die Wildhüter der FPWC bei einer Kontrollrunde im CWR den Fußabdruck einer Großkatze. Im Sommer des gleichen Jahres fanden sie Losung und ein Fellbüschel im Gebüsch. Die FPWC schickte Proben an den Jerusalemer Zoo. Eine Genanalyse im Februar 2013 bewies: Es handelte sich tatsächlich um einen der extrem seltenen Kaukasus-Leoparden.

Das Gebiet war inzwischen auf 2.000 Hektar vergrößert worden. Entlang der Hauptwanderrouten der Wildtiere sind insgesamt 10 Kamerafallen aufgestellt worden. Im Juni 2013 schließlich löste die erste Kamera aus. Ruben Khachatryan erzählt: »Ganz am Anfang gab es nur eine Aufnahme vom Schwanz. Und weil der Schwanz sich etwas seltsam bewegt hat, haben einige Experten vermutet, das Video sei ein Fake.«

Einen Monat später zeigte das zweite Video den Rumpf des Tieres. Es handelte sich um einen männlichen Kaukasus-Leoparden, in guter Verfassung, wohlgenährt und gesund. Aber ein Bein bewegte er nicht normal – vielleicht, weil er früher einmal in eine Falle getreten war? Der Moskauer Wissenschaftler Victor Lukarevsky bestätigte diese These. Im September und Oktober 2013 lösten weitere Kameras aus, in der Nacht und mitten am Tage. Beide Male war der Leopard vollständig zu sehen.

Die Aufnahmen fanden internationale Beachtung. Aber sie zeigten auch deutlich, dass der Leopard nur auf drei Beinen lief, ihm fehlte ein Hinterlauf. Die FPWC beriet sich mit ihren Partnerorganisationen WLT, IUCN NL und internationalen Zoologie-Experten. Musste das Tier eingefangen werden, in einen Zoo gebracht und dort versorgt werden, damit es den Winter überstehen würde? Die FPWC war dafür, das Tier in freier Wildbahn zu belassen. Die Expertenkommission war gleicher Meinung: Die Wunde am Hinterlauf war völlig abgeheilt, was darauf schließen ließ, dass der Leopard schon seit Jahren mit dieser Beeinträchtigung lebte. Außerdem war der Leopard kräftig, gesund – und ein guter Jäger. »Wir haben gesehen, dass unsere neugeborenen Bezoar-Ziegen immer weniger geworden sind. Anhand der Bewegungen der Ziegen hatten wir ein relativ genaues Bild davon, wo der Leopard gerade war. Das alles hat uns gezeigt, dass dieses Tier für sich sorgen kann«, so Ruben Khachatryan. Nun hoffen er und seine Organisation, dass bald auch ein weiblicher Leopard in das Gebiet kommen wird.

Im März 2014 erweiterte die FPWC Schutzgebiet um 3.000 Hektar. Das nunmehr insgesamt 5.000 Hektar große CWR reicht von der Grenze des staatlichen Naturschutzreservats Chosrow bis an die aserbaidschanische Grenze – und sichert damit den Anfang einer der wichtigsten Wanderrouten der Kaukasus-Leoparden im Südkaukasus.

Links:
Website der FPWC www.fpwc.org

Bildnachweis: FPWC e. V., mit freundlicher Genehmigung

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