Was ich in Predappio sah und hörte

Kurzer Besuch in Mussolinis Heimatstadt in der Emilia-Romagna

Im Hinterland der bekannten Touristenorte an der Adriaküste liegt inmitten malerischer Weinberge Predappio, eines jener verschlafenen italienischen Provinzstädtchen, in denen die Zeit gegen sich selbst mit Murmeln zu spielen scheint. Kaum ein Fremder würde sich wohl in dieses Abseits verirren, hätte nicht hier am 29. Juli 1883 Benito Mussolini das Licht der Welt erblickt. Bis heute überlagert dieses eine Ereignis alle anderen und prägt dem Städtchen sein Brandzeichen in die vermeintlich hinterwäldlerische Physiognomie.

In der Öffentlichkeit ist Predappio als beliebtes Ziel nostalgischer Wallfahrten berühmt-berüchtigt. Unverbesserliche Anhänger des „duce“ sind hierzulande bis auf den heutigen Tag in allen sozialen Schichten und Altersgruppen vertreten. Anders als in Deutschland ist man in Italien als bekennender Faschist nicht automatisch dem gewaltbereiten Spektrum am äußersten rechten Rand des sozialen Gefüges zugehörig, sondern repräsentiert eher eine robuste Stammtisch-Mentalität, derer man sich auch in besserer Gesellschaft keineswegs zu schämen braucht.

Die Stadtväter sind sich dieser im Ausland nur schwer vermittelbaren Mischung aus gutbürgerlicher Mussolini Verehrung und dem sogenannten gesunden Menschenverstand offenbar nur allzu bewusst und tragen nach Kräften dazu bei, aus ihr größtmöglichen Profit zu schlagen. Zwar wird mit Mussolini nicht offiziell Werbung betrieben, auf der anderen Seite unternimmt man aber nichts, um Predappio, was von einem aufgeklärten Standpunkt aus nahe läge, als einen Ort kritischer Aufarbeitung der Vergangenheit zu profilieren. Ein konstanter Tagestourismus mit seinen beiden Höhepunkten im Juli (Geburtstag Mussolinis) und im Oktober (Jahrestag des Marsches auf Rom) ist für die Stadt seit 1957, jenem Jahr, in dem die Überreste des Diktators hier offiziell beigesetzt wurden, ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, auf den zu verzichten kaum jemand bereit ist.

So wird die ansonsten gesichtslose Hauptstraße des kleinen Ortes vollkommen von drei unübersehbaren Devotionalienhandlungen beherrscht. Riesige, mit Hakenkreuzen geschmückte Adler, dienen als unmissverständliche Wegweiser in die Paradiese faschistischer Folklore. Von Büsten in allen Größen, über Herrenunterhosen, T-Shirts, Küchenschürzen und schwarzen Kinderlätzchen (!) mit den markigen Sprüchen Mussolinis („Lieber einen Tag lang wie ein Löwe leben als hundert Tage wie ein Schaf.“), scheint es hier tatsächlich nichts zu geben, was es nicht gibt. Attraktive junge Verkäuferinnen jenes Typus, wie man ihn etwa in den Filialen von „H&M“ antrifft, beraten ihre Kunden nach bestem Wissen und Gewissen, um das passende Mitbringsel für jeden Geldbeutel zu finden: Eine Tasse, eine Stofftasche, einen Kalender, ein mit Hakenkreuzen verziertes Kaffeeservice oder den allerletzten Schrei im Marktsegment faschistischer Souvenirs: eine Hülle fürs iPad, selbstverständlich mit dem Konterfei Mussolinis. Der Umgangston ist freundlich-salopp, die Kunden benehmen sich gesittet. Für italienische Verhältnisse ist es auffällig ruhig in dem überfüllten Ladenlokal.

Als ich, um Unauffälligkeit bemüht, einige Fotos mit dem Handy schieße, lächelt mir eine junge Verkäuferin einvernehmlich zu: Logisch, dass man sich inmitten all dieser Herrlichkeit kaum zu entscheiden vermag!

Solange sich der Personenkult, der hier offenbar höchst gewinnträchtig betrieben wird, auf Mussolini allein erstreckt, fällt es mir leicht, die Distanz zu bewahren. Das ändert sich allerdings schlagartig in dem Augenblick, in dem ich in einem Regal plötzlich Hitler-Büsten entdecke, Kaffeetassen mit seinem Bildnis, sowie knallrote (!) Bücherstapel mit der italienischen Übersetzung von „Mein Kampf“, dessen Druck und Verbreitung, anders als in Deutschland, in Italien nicht verboten ist. In diesem Augenblick spüre ich als Deutsche, dass eine Grenze überschritten ist.

Auf dem Friedhof San Cassiano in Pennino befindet sich die Gruft der Familie Mussolini. Keine Wegweiser am Eingang, eigentlich genügt es, einem jener versprengten Grüppchen zu folgen, die sich wie ferngesteuert zwischen den Gräbern zu bewegen scheinen. Nur eine junge Frau höre ich leise fragen: „Dov´è?“ – was soviel bedeutet wie „Wo ist es?“

Jede weitere Erklärung ist überflüssig. Man ist unter sich und weiß genau, weshalb auch der andere den Weg an diesen Ort gefunden hat.

Vor dem von einer enormen Büste gleichsam gekrönten Grabmal Mussolins, das sich in der Mitte einer geräumigen Gruft befindet, herrscht heiliges Schweigen.

Eine hochblonde ältere Frau steht mit gefalteten Händen und geschlossenen Auge vor ihrem Idol. Eine andere zückt, als sie endlich für sich und ihren Mann einen Platz in der vordersten Reihe erobert hat, ihr Handy, in das sie mit feierlich-bewegter Stimme flüstert: „Sono davanti a lui.“ (Ich stehe vor ihm.)

Eine Großfamilie, penibel darauf bedacht, dass die Büste ihres Idols stets die Bildmitte ziert, fotografiert sich in unendlichen Positionsvarianten gegenseitig fürs Familienalbum.

Die Kommentare in dem Gästebuch, das auf einem kleinen Tisch vor dem Grab ausliegt, bieten, was kaum verwundert, wenig Überraschendes. In immer gleichen, stereotypen Wendungen wird der „duce“ beschworen, doch recht bald in sein Vaterland zurückzukehren. Er werde dringend gebraucht. Ohne ihn sei Italien verloren.

Auf dem Parkplatz vor dem Friedhof werden wir von zwei Männern angesprochen, die uns fragen, ob sie mit uns in die Stadt zurückfahren können, wo sie zum krönenden Abschluss ihres Besuches in Predappio „sein“ Geburtshaus besuchen wollen.
Vater und Sohn. Der über und über tätowierte, stiernackige Vater ist stolz auf seinen Sohn, einen  erfolgreichen jungen Boxer, der mit seinen hellen, wachen Augen und seiner mageren Gestalt so gar nicht dem Bild vom harten Mann entspricht. Mussolini? Der habe viel für Italien getan und wenn er nur nicht den verhängnisvollen Fehler begangen hätte, sich mit Hitler einzulassen, dann wäre vieles anders gekommen.

Nach meinen Erfahrungen gehört dieses Pseudo-Argument zum Grundkonsens eines in weiten Kreisen der italienischen Bevölkerung hartnäckig verbreiteten Geschichtsverständnisses. Diese nicht nur simplifizierende, sondern die historischen Tatsachen nachgerade verdrehende Sichtweise, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Kult um die Person Benito Mussolinis auch nach dem Zusammenbruch der faschistischen Diktatur niemals abgerissen ist und sich sogar von Generation zu Generation erneuern konnte. Ein Ort wie Predappio, an dem, unbeirrt von den Einsichten der modernen Historiographie und mit Billigung der zuständigen staatlichen Organe, einem faschistischen Diktator gehuldigt wird, ist das irritierende Resultat einer fatalen Geschichtsklitterung, die bis auf den heutigen Tag in Mussolini den Idealtypus des gestrengen, aber gerechten Landesvaters erblicken will. Der fatale Ruf nach dem starken Mann, welcher diesen Kult innerlich befeuert, wirft ein scharfes Licht auf das verstörende Potential politischer Unmündigkeit, welches das Land in den vergangenen zwanzig Jahren langsam aber sicher in den moralischen und wirtschaftlichen Bankrott getrieben hat.

Letzte Etappe. Mussolinis Geburtshaus. Ein perfekt renoviertes Natursteinhaus in einer kleinen Seitenstraße, auf das eines jener braunen Schilder verweist, die in Italien Sehenswürdigkeiten anzeigen: Casa natale di Mussolini. Kein Museum ist hier untergebracht, sondern Räume für die Wechselausstellungen örtlicher Kunstschaffender.

Diese Ambivalenz, Ausdruck des Unwillens, beziehungsweise der Unfähigkeit, Position zu beziehen und also eine Phase aktiver Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzuleiten, ist typisch für den Umgang der Stadt mit ihrem schwierigen Erbe. Da es aus nahe liegenden Gründen unmöglich ist, die Person Mussolinis offensiver zu vermarkten, man jedoch keineswegs auf den wirtschaftlichen Nutzen des Nostalgie-Tourismus verzichten will, hat man sich auf stillschweigende Komplizenschaft eingeschworen. Wer den Weg nach Predappio findet, der braucht weder Hinweisschilder, noch Belehrungen, und es ist anzunehmen, dass er die Atmosphäre, die ich in all ihrer bedrückenden Abgründigkeit wahrnehme, im Gegenteil als befreiend erlebt: Endlich unter Gleichgesinnten, am Original-Schauplatz eines Jahrhundertereignisses!

In einer kleinen Eisdiele an der Hauptstraße höre ich einen Kunden von den Vorzügen des Geschmacks „Benito“ flüstern. Gesehen habe ich ein entsprechendes Schild jedoch nirgends.

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