Welt an Welt

Spaziergänge auf europäischen Friedhöfen.

Von Stefanie Golisch

Gräber erzählen Geschichten.

Ein individuelles Schicksal – oder dass einem ein solches verwehrt blieb. Marmorbüste oder Holzkreuz, ein erlesenes Epitaph oder nur ein Name und jene zufällig-zwangsläufigen Eckdaten, die ihn unverwechselbar machen in der verfließenden Zeit. Und selbst die Abwesenheit einer Grabstelle ist nicht stumm: spricht sie doch von denen, die entweder verschwinden wollten oder aus dem Netz gefallen sind, das nur solange trägt, wie man sich fraglos in seine Maschen fügt.

Auf dem Münchner Waldfriedhof sind es an die zweitausend Menschen im Jahr, deren Asche in der geschmackvollen Trostlosigkeit englischen Rasens versenkt wird; was früher Massengrab hieß, wird heute als anonymes Feld auf dem Friedhofsplan verzeichnet. Der hier seine letzte Ruhe findet, hat es geschafft, er ist unkenntlich geworden. Zwar kann man das Feld auf Steinplatten umrunden, doch kommt man demjenigen, den man sucht an keinem Punkt näher. So macht sich das Eingedenken zwangsläufig sehr allgemein, wird vage und verfliegt wie Rauch.

Für den nordeuropäischen Raum ist laut Statistik die Tendenz zum namenlosen Begräbnis steigend. Neben sozialen Abstürzen ist es die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft, die dazu beiträgt, dass immer mehr Menschen sich noch zu Lebzeiten entschließen, ihre Spuren zu verwischen: ein Gedanke, der in den katholisch geprägten Ländern Südeuropas naturgemäß auf Unverständnis und Ablehnung stößt.

Zwar unterliegen auch hier Krankheit und Sterben zunehmend den medizinisch-hygienischen Rahmenbedingungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts, doch kann, wo die Auferstehung des Fleisches eine Glaubensgewissheit ist, kein Mensch wirklich verloren gehen. Auf italienischen Friedhöfen beglaubigen Fotografien auf den Grabsteinen das gelebte Leben. Ein Pferdeliebhaber mit seinem Pferd. Ein Bergwanderer mit Stock und Hut. Ein schöner Mann mit offenem Hemd, lachend vor Panoramablick. Schaut mich an, ich war ein Mensch, scheinen die Toten den Lebenden zuzurufen, auch ich bin dabei gewesen, auch ich habe gelebt.

Die marmorne Grabskulptur eines Engels, der ein kleines Mädchen in den Himmel geleitet. Eine berühmte russische Tänzerin als sterbender Schwan auf ihrem eigenen Grabmal.

Die Trauernde des fin de siècle ist eine schlanke Frauengestalt mit weiten Kleidern, gelöstem Haar und verschleiertem Blick, untröstlich und doch durch ihre Schönheit Trost spendend.

Wer den Mailänder cimitero monumentale betritt, dem ist unwillkürlich als träte er aus der Zeit hinaus. Der Tod ist allgegenwärtig und doch seltsam fern gerückt zugleich – Tränen und Sehnsucht zu steinernem Faltenwurf: der Schmerz hat sich verflüchtigt in die zeitlose Ästhetik sublimer Grabkunst.

Die Jahrhundertwende erschafft einen ekstatischen Todesrausch aus Erotik und Agonie, Skulpturen, die an jene verstörende Symbiose gemahnen, die seit der Antike eine Schattenlinie markiert, ein geheimes Wissen, das durch die Jahrhunderte immer wieder aufflackert und verlöscht. Erst in der Gestalt der Untröstlichen wird es als Andeutung eines Abgrunds öffentlich, einer Grenzüberschreitung, die jeder Mensch als Möglichkeit in sich birgt. Über den Gräbern wuchert Efeu, dann und wann schleicht eine herrenlose Katze vorüber, ein alter Mensch am Stock. Sonne scheint auf die Gräber und macht den Widerspruch vollkommen.

Die Inschriften, ihr unvertrauter Ton, sind Stimmen aus einer anderen Zeit, das blumige Pathos, mit dem unverständliche Lebensentwürfe evoziert werden, Ideale, die quer zu den unseren stehen.

Von der vorbildlichen, aufopferungsvollen Ehefrau und Mutter ist da die Rede, von strahlenden Helden für das Vaterland und unschuldigen jungen Mädchen, die in der Blüte ihrer Jahre dahingerafft wurden von heimtückischen Krankheiten – oder vom Schicksal: auf ihren Gräbern greifen die Worte am wenigsten und ist der Leib am greifbarsten. Tod, der nicht verschlungen ist in den Sieg, sondern in Lust, die nicht sein durfte.

Kindergräber.

Auf sie gibt es keine Antwort als diejenige, sich auf die Erde zu legen und tot zu spielen – to play dead – so formuliert es der Lyriker Bill Knott in einem kurzen Gedicht.

Triumph des Lebens, der Eitelkeiten

Die alteingesessenen Mailänder Familien haben sich in einem erbittertem Wettstreit ausgefallene Mausoleen von berühmten Bildhauern errichten lassen. Pompöse Phantasiegebilde, heute nur mehr ein Schwanengesang, Glanz ohne Strahlen.

Unscheinbar nimmt sich daneben das Grab des Begründers aller europäischen Avantgarden, des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti aus, dem hier noch im Dezember 1944 von Mussolini persönlich ein Staatsbegräbnis ausgerichtet wurde. Ihm gegenüber das exzentrische Grabmal eines Musikkritikers, das der Bildhauer Medardo Rosso entworfen hat und das neben dem Namen des Verstorbenen einzig den Schriftzug Perché – Warum trägt –

Innerlichkeit und Pathos. Klangvolle Namen – Anna Kuliscioff, Clelia Castiglioni, Jasmin Salahié – wer mögen diese Frauen gewesen sein, welcher ihr Augenblick der Augenblicke? Man muss ihre Geschichten erfinden, denn nur selten lassen die Inschriften ein individuelles Schicksal erahnen. Klein macht sich das Wort auf dem cimitero monumentale vor der Übermacht bildlicher Suggestion. Nur ein Sinnspruch fällt im Schatten eines verwitterten Engels ins Auge, es ist aber kein Italiener, sondern ein Mr. John Dowsfield, der sein Leben in unnachahmlicher angelsächsischer Lakonie folgendermaßen zusammengefasst hat: Something attempted / something done / has earned a night’s repose.

Die Gegensätze könnten größer nicht sein.

Hier die Versinnbildlichung und Verherrlichung des schönen Scheins, dort die nüchterne Bilanz eines Lebens, ja des Lebens, das beherrschte Zurücktreten hinter die Illusion persönlichen Schicksals. Ist alles Tu-bare getan, holt die Nacht den Menschen zu sich in den Schlaf.

Die tadellose Haltung des englischen gentleman angesichts von Leben und Tod spiegelt sich auch in den Epitaphen vieler Gräber an der ligurischen Küste, zumal in Bordighera, wo bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs so viele reiche Engländer lebten, dass ihre Zahl zu gewissen Zeiten sogar die der Einheimischen überstieg. Ein marmorner Trinkbrunnen für Hunde sowie eine aufwendig gestaltete öffentliche Herrentoilette, ein so genanntes Pissoir an der via romana, erinnern an ihren Menschen- und Tierfreundlichkeit.

Ihre Gräber auf dem englischen Teil des abgelegenen Friedhofs.

God’s finger touched him and he slept. Thy will be done. I heard the voice of Jesus say come unto me and rest. He giveth his beloved sleep. Inschriften wie diese sind dort in schlichte Einheitsgräber aus Sandstein gemeißelt, die sich, anders als auf dem italienischen Teil, keineswegs voneinander zu unterscheiden trachten. Wahrscheinlich verirrt sich nur selten ein Fremder in diese Enklave, so dass die Toten unter dem südlichen Himmel, nach dem einst ihre jugendliche Sehnsucht gegangen war, tatsächlich ungestört ruhen.

Dagegen die schlanken, überlebensgroßen, schneeweißen Engel auf dem hoch über der Stadt gelegenen Friedhof von Nizza, die mit hoheitsvoller Gebärde ihre Schwingen über der Stadt ausbreiten. Hier gaben sich um die Jahrhundertwende die noch Reicheren und Schöneren ihrer Zeit ein Stelldichein. Sie kamen aus Odessa und Kiew, aus Bukarest, St. Petersburg und der Bukowina, aus Dresden und Berlin. Einige fanden ihre letzte Ruhestädte hier, auf dem katholischen oder jüdischen Teil des Friedhofs: Lazar Gottesmann, Toska Thekla von Rappard, Baron Piret-Bihain Viroigi, Dr. Josephus von Bodifee, Bernhard von Carvisien.

Namen, deren Klang unwillkürlich Bilder hervorrufen, den Duft der Mimosen im Januar und der Glyzinien im April und die Kugel im Kopf jenes Unglücklichen, der alles auf Rot setzt und schwarz gewinnt. Geschichten aus jener abenteuerlich schillernden Welt, in die sich Josefs Roths biederer Stationschef Fallmaryr mit seiner Gräfin Walewska verirrte. On parle francais, italien, allemande, russe. Englische Schneider. Russische Wunderärzte. Schweizer Grand hotels, in denen rotwangige Mädchen mit rauen Händen den ganzen Tag ausschließlich mit dem heißen Wasser beschäftigt sind. Schwindsüchtigen wurde zu gewissen Zeiten das Reizklima der Riviera ans Herz gelegt, da husteten sie sich in wenigen Wochen die Seele aus dem Leib, aber vorher hatten sie noch einmal den Süden geatmet. Nietzsche in Menton, Jawlensky in Bordighera, Katherine Mansfield in Ospedaletti und Marina Zwetajewa in Nervi. Was suchten sie alle? War es die Schönheit oder war es das Erschrecken vor ihr, die Gefahr und Steigerung des gewöhnlichen Lebens zum Tode?

Die exaltierten Gebärden der Engel von Nizza und Menton. Monte plus haut Luc XIV 10 – die Beschwörung des Jenseits, der Wiederauferstehung und des ewigen Lebens in Schönheit und Freude – in welchem Widerspruch stehen doch sie zu jenen Epitaphen auf dem Bonner Stadtfriedhof, die an das unerbittliche Joch eines pflichtschuldigen Lebens gemahnen, dessen Vorbei eine böse Erleichterung verheißt. Verbitterung, die sich hinter dem herrischen Imperativ der Versagung verbirgt: Unser Leben ist, wenn es köstlich gewesen, Mühe und Arbeit gewesen. Und Wohl mir, wenn bald die Erde mich umschweigt. Wo Leben nicht bis in seine letzten Möglichkeiten vordringt, bleibt etwas Unerlöstes, kein Frieden in der schwarzen Erde und kein Flügelschlag, der in einen noch so unwahrscheinlichen Himmel ragt.

In Totenkult und Grabpflege geben die Völker von sich preis, was unter der Oberfläche ihrer Selbstbilder schlummert. Als Grenzerfahrung rührt der Tod an einen verborgenen Kern, an jene Grundgewissheiten, in denen eine Kultur zu sich selbst gelangt.

So zeugt der jüdische Friedhof in Berlin Weißensee, der größte Europas, von der spezifischen Erinnerungskultur im Judentum. Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung lautet eine viel zitierte Sentenz des Rabbi Löw und tatsächlich sind dieser und andere sinnverwandte Sprüche hier auf Schritt und Tritt gegenwärtig. Die Grabmäler sind aus einfachem Sandstein, sie wollen nichts darstellen, sondern setzen ganz und gar auf die Kraft des Wortes, das die Toten auf ihrem Weg in die Unsterblichkeit begleiten soll. Worte des Trostes, die beständig daran gemahnen, dass nicht tot ist, wer in der Erinnerung weiterlebt: Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind, auch das Entfernte, Abgeschiedene lebt in uns. Ewig bleibt uns nur Verlorenes. Grenzstein des Lebens, nicht der Liebe. Die Liebe hört nimmer auf.

Auf vielen Gräbern liegen Steine, man gedenkt der Toten an diesem Ort, den der Krieg wie durch ein Wunder unversehrt ließ. Inmitten verwitterter Steine, Namen aus einer unwiderruflich verlorenen Welt – Schoenlicht, Treuherz, Tuchband, Zutrauen, Ungerleider, Katzenellenbogen – überfällt den Besucher unwillkürlich eine Ahnung davon, wie schwer die Shoa noch über das Morden hinaus im Judentum wiegen muss – sind die Getöteten doch tatsächlich spurlos verschwunden –

Gräber erzählen Geschichten, Tote werden im Vorübergehen zu Vertrauten, die flüstern Andeutungen oder eine Botschaft in den Wind oder ein geneigtes Ohr, ihren Augenblick der Augenblicke. Auch sie waren einmal lebendig, waren Fleisch Blut Eingeweide. In Romanen wie in Uwe Johnsons Jahrestagen ergreifen die Toten ungefragt das Wort, sie mischen sich ein in die Angelegenheiten der Lebenden, und in Mexiko feiern, so will es die Tradition, die Lebenden und die Toten jedes Jahr am Totengedenktag ein ausschweifendes Fest auf dem Friedhof.

Dann sind noch diejenigen, die ihre Geschichte nicht einem glücklichen Zufall überlassen wollen. Künstler und Egozentriker gefallen sich darin, ihr eigenes Epitaph zu erdichten. So fasst Rilke sein Leben in ein Paradox: Rose oh reiner Widerspruch / Lust / Niemandes Schlaf zu sein / unter so vielen Lidern. Paul Klee, weniger dunkel, verleiht dem ewigen Ungenügen des Künstlers mit den Worten Ausdruck: Hier liegt der Maler Paul Klee, ein wenig näher am Herzen der Schöpfung, doch längst nicht nahe genug. Und auf dem Grabstein Johannes R. Bechers, des hochfahrenden Expressionisten und ängstlichen Parteigenossen, der auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt ist, sind Verse eingemeißelt, die nicht nur die persönliche Tragik des Dichters betreffen, sondern die Zerrissenheit seines ganzes Jahrhunderts: Vollendung träumend / hab ich mich vollendet / wenn auch mein Werk / nicht als vollendet endet. / Denn das war meines Werkes / heilige Sendung: / Dienst an der Menschheit / künftiger Vollendung.

Paul Celan, der Rilkes Grabspruch als Niemandsrose zum Titel einer Gedichtsammlung von 1963 machte, ging, ebenso wie der unglückliche Josef Roth aus dem Leben ohne ein Resümee; beide ruhen vor den Toren Paris‘ auf dem Friedhof Thiais. Auf ihren verwitterten Gräber steht nur ihr Name. Es liegen aber Steine darauf, ein Unverloren.

Auch Hölderlin bekümmerte sich nicht um eine passende letzte Zeile, es waren andere, die einen Vers aus seinem Gedicht Das Schiksaal für ihn auswählten: Im heiligsten der Stürme falle / zusammen meine Kerkerwand. / Und herrlicher und freier walle / Mein Geist ins unbekannte Land.

Um seine ganze Fülle zu verwirklichen, wenn auch nicht sich zu vollenden, braucht der Mensch die unwahrscheinliche Hoffnung darauf, es möge danach nicht nichts sein. Dass Hölderlins Kopf noch zu Lebzeiten in die Nacht fiel, markiert den schmalen Grad, auf dem Liliputaner mit Melonen jonglieren.

Gräber erzählen Geschichten.

Eine, die in unübertrefflicher Verdichtung das Menschenmögliche am Abgrund des Todes zusammenfasst, steht auf dem unscheinbaren Grabstein einer Unbekannten auf dem alten Friedhof von Worpswede: Zieh vorüber Vogel und lehr mich vorüber ziehn –

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